fhagenStefan Mappus leckt sich die Lippen, während Anette Schavan, allein mit Schaffnermütze bekleidet, eine Trillerpfeife bläst. Im Kostüm einer drallen Weinkönigin hüpft Rainer Brüderle umher und schreit „Vorsicht an der Bahnsteigkante!. Unser Finanzminister rollt lautlos vorüber, schüttelt angewidert den Kopf, und fragt leise, ob er Friedrike Hagen ein Stück mitnehmen darf. Irgendwo in weiter Ferne gibt eine Militärkapelle „Smoke on the Water“ zum Besten. Auf kilometerlangen Rolltreppen gleitet Friederike einsam in dunkle Tiefen hinab. Unten angekommen, begegnet ihr eine endlose Reihe nackter Herren, die voll Vorfreude darauf hoffen, dass ihnen die Kanzlerin gründlich den Popo versohlt. Einige Gesichter kommen Friederike bekannt vor. Zum Glück kann sie sich durch eine goldene Drehtür ins Freie retten. Inmitten blühender Landschaften erscheint Guido Westerwelle auf einem Kamel und gibt vor, Laurence von Arabien zu sein. Im hellblauen Dress eines Autoschlossers verbeugt sich ein alter Samurai und verkündet höflich, dass auch ein weiterer Reaktor außer Kontrolle geraten sei. Wahnsinnig vor Entsetzen fliegt Friederike nach Hause. Bei ihrem Anblick suchen Mann und Kinder schreiend das Weite. Einer Ohnmacht nahe schleppt sie sich ins Badezimmer, stürzt zum Spiegel und schaut in das grinsende Gesicht von Birgit Homburger… Schweißgebadet wacht sie auf. Der Alptraum ist vorüber. Kurzentschlossen greift Friederike Hagen zum Telefon. „Seid nicht böse, aber ich kann nicht mehr. Das mit der Politik ist wohl doch eine Nummer zu groß für mich. Schließlich bin ich als Mutter, Frau und Ehefrau vollkommen ausgelastet. Ausserdem glaubt doch niemand im Ernst daran, dass ich hier in Köpenick die Welt verändern könnte.“ „Halt! – haben wir da gesagt. „Hast du dir das gut überlegt? – haben wir gefragt. „Du kannst doch jetzt nicht einfach alles hinschmeißen! In Windeseile besuchen wir unsere Kandidatin mit roten Rosen, Sekt und Sahnetorte. „Ein Prosit auf die Bürgermeisterin! Und tatsächlich, nach dem dritten Glas kann sie wieder ein wenig lächeln und mit dem Vierten kehrt ihre Zuversicht zurück. „So ein Wahlprogramm ist wie ein Bahnhof. Und wenn das Ding noch so beschissen ist, mit einem Bahnhof fängt alles an!* Stunden vergehen im Austausch der Argumente. Pro und Kontra verlieren sich in Raum und Zeit. Volle Flaschen verwandeln sich in nutzloses Leergut. Der Aschenbecher hat bereits vor Tagen kapituliert. Scheint eben noch ein Kompromiss gefunden, flammt die Diskussion um so leidenschaftlicher sofort wieder auf. „Ich mag keinen Fisch! „Musst ihn ja nicht essen! „Stinkt aber trotzdem! Und immer ist es Friederike Hagen, die einen kühlen Kopf bewahrt und eine einvernehmliche Lösung herbeiführt: „Seid doch mal leise! Ich haben den Pizza-Service am Apparat! Hallo? Ja, wir hätten gern dreimal die 7, zweimal die 8 und eine 11 ohne Zwiebeln! Am Morgen des siebten Tages ist es vollbracht. Mit den leuchtenden Augen eines glücklichen Kindes schaut Friederike in die Runde. Blasse, zerknautschte, unrasierter Gesichter blicken erwartungsvoll zurück. „Das Ergebnis unserer ausgiebigen Beratungen möchte ich nun wie folgt zusammenfassen:

1. Köpenick muss Berliner Hauptstadt werden, denn alles spricht dafür – nichts spricht dagegen.

2. Mit einer Bürgermeisterin Friederike Hagen wird es kein atomares Endlager in den Müggelbergen geben. An uns kann sich die schwarz-gelbe Atommafia die Zähne ausbeißen! Und so viel Geld, um jedem eine Villa am Müggelsee zu kaufen, haben die gar nicht.

3. Wir befürworten den sofortigen Ausbau des alten S-Bahnhofes Spindlersfeld zu einem achtgleisigen unterirdischen Durchgangsbahnhof. Mit diesem Projekt S-21 würde sich das fehlende Glied in der Kette Paris-Köpenick-Moskau schließen und außerdem wollen auch wir nicht immer nur dagegen sein.

4. Als staatlich anerkannter Luftkurort sollte Bad Köpenick künftig von Fluglärm und Schadstoffemissionen aller Art verschont bleiben. Die Gebäude des geplanten Großflughafens Schönefeld könnten als leistungsfähiges Auffanglager für Wirtschaftsflüchtlinge aus Süddeutschland Verwendung finden. Letztlich liegt es aber in der Verantwortung des Landes Brandenburg, wie es die Bauruinen künftig nutzen will.

5. Wir befürworten eine kontrollierte Einwanderung von integrationswilligen Bayern und Schwaben, wenn diese sich erfolgreich einem Sprachtest unterziehen, die Trennung von Staat und Kirche anerkennen, dem FC Bayern München ihre weitere Gefolgschaft verweigern und unsere sympathische Köpenicker Lebensart vorbehaltlos als geltende Leitkultur akzeptieren.

Der Beifall will kein Ende finden. „Frie-de-ri-ke!, Frie-de-ri-ke! rufen wir begeistert im Chor. Als schließlich tausend bunte Luftballons zur Zimmerdecke empor steigen fallen sich alle voller Rührung in die Arme. Schließlich ist es unsere Bürgermeisterin, die abermals mahnend den Zeigefinger erhebt: „Vergesst nicht, Freunde, diese Wahl ist noch nicht gewonnen. Aber eines kann ich euch schon jetzt versprechen: Heute Nacht werde ich sehr gut schlafen.“


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“