maulbeerblatt ausgabe 65

Während uns die unvermeidliche Vera Lengsfeld im Fernsehen einmal mehr an erlittenes Unrecht erinnern darf, werden bei unseren türkischen NATO-Partnern Demonstranten noch brutaler verfolgt, als Globalisierungsgegner im Frankfurter Bankenviertel und Anti-Nazi-Demonstranten im Freistaat Sachsen. Und während uns Vera Lengsfeld an erlittenes Unrecht erinnert, landete mit der Airforce One der Stasi- Chef aus Amerika in Berlin, um den Völkern der Welt seine Friedensbotschaft zu verkünden. Der Sendbote aus dem Land der Freiheit ist der Garant unseres Way of Life. Wer will es ihm da verübeln, dass er sich über sämtliche Bereiche unserer privaten Kommunikation gern ein eigenes Bild machen möchte, denn schwarze Schafe – da ist er sich ganz sicher – die gibt es immer und überall. Seine Geheimdienste leisten Großartiges im Kampf gegen den Terror und da wollen auch unser britischen Freunde nicht faul im Abseits stehen. Der gute Bürger kann derweil ruhig schlafen, denn es wird doch wohl nichts geben, was er zu verheimlichen hat. Und während uns also Vera Lengsfeld an erlittenes Unrecht erinnert, darf sich Gustl Mollath vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu seinen letzten sieben Jahren in bayerischer Psychohaft äußern, bevor man ihn wieder dorthin zurück verfrachtet. Und während Vera Lengsfeld an erlittenes Unrecht erinnert, zeigt unsere strenge Mutti sogar ein wenig Verständnis, weil das mit diesem weltweiten Web ja ohnehin alles Neuland ist und in diesem Augenblick können wir uns sicher sein – sie liebt uns doch alle.

Gute Unterhaltung wünscht die Maulbeerblatt-Redaktion


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“