Kopf ab ist schlimmer. Mein alter, von mir sehr geschätzer Lehrmeister, brachte diesen Spruch immer wieder gerne. Wenn wir Grünschnäbel irgend ein „unlösbares“ Problem vor uns herschoben oder uns über die Ungerechtigkeit der Arbeitsverteilung aufregten (immer kriegten wir die unbeliebtesten Jobs) oder uns wegen der Bezahlung beschwerten (natürlich bekamen wir dafür das wenigste Geld) und überhaupt die ganze Welt gegen uns war, semmelte er uns, mit einem Lächeln, diesen Satz um die Ohren.

Damals dachte ich nur, „wieder so ‘n Spruch vom Bau“. Heute weiß ich, der Mann hatte recht. Heute bringt mich nichts mehr so schnell aus der Ruhe. Riesen Pickel auf der Nase – Kopf ab (und somit gar keine Nase) ist schlimmer. Haare alle weg – Kopf ab ist (vor allem: Wohin mit dem schützenden Hut?). Oder wenn ich in meinen schlaffen Geldbeutel blicke und dann so auf die Preise um mich herum und ich erstmal schlucken muss (Welches Potenzmittel haben die eigentlich geschluckt, die Preise?), da hilft nur tief durchatmen und – genau: Kopf ab Superstau an der Discounterkasse und auf Stadt und Bundesautobahn – na und, ohne Kopf würd‘ ich davon ja gar nix mitkriegen, vor allem nicht die genialen Wutanfälle der anderen. Kopf dran, halbwegs gesund und glücklich sein mit dem, was man hat – he, so schlecht ist das Leben gar nicht, meist sogar richtig schön. Zum Beispiel einfach so dasteh‘n und in den Sonnenuntergang schauen, eine leichte Brise lässt Felder, Wiesen, kleine Teiche oder riesige Meere auf und ab wiegen, ein Fremder oder ein Mensch, den man gut kennt, lächelt uns an, ein Blick wie eine zärtliche Berührung lässt dich erschauern, ein heißes Bad an einem Winterabend im Kerzenschein, Schokolade, Brot, Käse und Wein, eine gute Musik, ein fesselndes Buch oder ein toller Film.

Kopf ab ist auch schlimmer, als nicht die Geliebte des Königs von England zu werden, sondern stattdessen diesen Part seiner jüngeren Schwester überlassen zu müssen – hätte ich auch gerne Anne Boleyn zugeflüstert, vor allem da dieser König Heinrich der Achte hieß und dieser Spruch für die gute Anne aber sowas von gepasst hätte – doch umsonst. So nimmt das Schicksal seinen Lauf und wir schauen Natalie Portman dabei zu, wie sie im Film „Die Schwester der Königin“ eben diese Anne Boleyn grandios verkörpert. An ihrer Seite, mit den nicht so dankbaren Rollen, Scarlett Johansson als ihre jüngere Schwester und Eric Bana als triebgesteuerter König von England. Tragisch. Dass es ebenfalls Schlimmeres gibt, als in der gerade erklommenen Führungsposition zu versagen, könnte man auch der Figur zuraunen, die die ausgezeichnete (im doppelten Sinn) Tilda Swinton in „Michael Clayton“ spielt. Aber vermutlich wäre ich nur eine weitere Leiche in ihrem „Keller“ geworden. So bleibt es an „Michael Clayton“ -Darsteller George Clooney hängen, uns zu zeigen, wie schön und manchmal auch lebenserhaltend ein paar ruhige Minuten in der Natur sein können. Clooney in Top Form.

An dieser Stelle wieder ein paar Tipps der älteren Sorte, Filme, in denen die „Helden“ am Ende (im wahrsten Sinne des Wortes) zu der Erkenntnis gelangen, dass Geld, Macht, Erfolg usw. zu verlieren nicht das Schlimmste ist, was einem passieren kann: „American Beauty“, „Walk the Line“, „The Million Dollar Hotel“, „The Doors“, „The Mission“.
Also, wenn sich mal wieder alles gegen euch zu verschwören scheint, weit und Bbeit keine Besserung in Sicht ist und ihr glaubt, verzweifeln zu müssen – hört auf den alten Meister: Kopf ab ist schlimmer, zumal es doch so schöne Hüte gibt.