Die Jagd nach den Mustern

Atelierbesuch bei der Künstlerin Julia Neuhausen

Großformatige Wandteppiche mit farbenfrohen, stilisierten Organabbildungen. Schwarze Bilder aus Schriftzügen, die sich zu neuen Formen zusammenfügen. Mannshohe Kugelgebilde aus Styropor mit verschiedenen Holzklebefolien umhüllt und eine Fotoserie, die die Künstlerin über 15 Jahre hinweg schlafend, an Orten überall auf der Welt, zeigen.

Die Werke von Julia Neuenhausen könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch vereint sie alle ein Gedanke: Die Jagd nach Mustern.

Schon seit 1993, unmittelbar nach dem Abschluss ihres Studiums der freien Kunst, Malerei und Film in Braunschweig, arbeitet sie mit „Unmaterialien“. Sie schneidet zum Beispiel Formen und Zeichen aus Teppichen und fügt sie in liebevoller Intarsien-arbeit zu Kunstwerken zusammen. Dabei gehen die abgebildeten Gegenstände eine überraschende Symbiose ein. Menschliche Organe, Pflanzen, Revolver und Glühbirnen vereinigen sich zu einem Zusammenhang, der sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Mit ihren Werken will die Künstlerin dem Betrachter Angebote zur bersetzung und zur neuen Wahrnehmung von Dingen, die jeder täglich sehen kann, unterbreiten und freut sich, wenn die Menschen eine eigene Lesart ihrer Kunst entwickeln.

Julia Neuenhausen mag das sinnliche Wechselspiel zwischen Handeln und Denken. Sie mischt poetische Ideen mit wissenschaftlichen Ansätzen und vergleicht ihre künstlerische Arbeit mit einem „alchemistischen Prozess, an dessen Ende seltsame Materialien zueinander finden, die auf den ersten Blick nicht freiwillig zusammenkommen würden“. Es geht ihr um das „Spiel mit den Dingen“ und darum „etwas Trashiges in etwas Schönes zu verwandeln“.

Ihre Inspiration findet die Künstlerin bei der Beobachtung. Am besten gelingt ihr das bei dem Verrichten alltäglicher Dinge wie Postwurfsendungen anschauen, Aufräumen, beim S-Bahn fahren oder auf dem Flohmarkt, wo sie „Ideen angelt.“ Um tief in ihre Arbeit einzutauchen und dem kreativen Schaffen Raum zu geben, braucht sie „ein warmes Chaos“ um sich herum, das aber nicht in Unordnung ausartet: „Ein kalter Aschenbecher hat eben keine Energie mehr.“

Die Welt ist das Zuhause der Künstlerin. Im Iran, der ein traditionelles Knüpfland ist, hat sie 2009 mit iranischen Frauen gemeinsam an einem Projekt gearbeitet. Sie führte Interviews mit ihnen und übersetzte diese in eine Bildsprache aus ihrem Zeichenkatalog. Als Ergebnis des Projektes „pattern research“ entstand ein nach ihrem Entwurf geknüpfter Wollteppich. „Ich bin ein Systemfreak. Metastrukturen zu erkennen und Kausalitäten festzustellen, reizt mich. Alles gehört zusammen.“ Neben dem Iran hat die Künstlerin auch in Indien und den USA gelebt und gearbeitet. Treptow, ihre jetzige Wahlheimat, liebt sie besonders wegen der freien Sicht von ihrem Balkon und weil sie hier schläft wie auf dem Dorf.

Für die Zukunft wünscht sich Julia Neuenhausen, dass Wertschätzung und gegenseitiger Respekt in unserem Leben größeren Raum bekommen und„eine Schule, in der es das Schulfach ‚Selbstwert-

gefühl‘ und ‚Kreatives Denken‘ gibt“.

Für ihre eigene Zukunft erhofft sie sich, weiter forschen und experimentieren zu können und mit ihren vielen Werkzeugen, von der Nähmaschine bis hin zur Flex, zu arbeiten. Insbesondere Themen wie Wahrnehmung und psychogeographische Phänomene möchte sie auf immer wieder neue und unterschiedliche Art zum Ausdruck bringen und mit anderen Menschen – Studenten, Kindern und in Projekten – zusammen erkunden. „Kreativität zum Ausdruck zu bringen, ist Liebe zum Leben und dadurch ist Kunst eine einzigartige Bereicherung für jede Gesellschaft.“

Offenes Atelier bei Julia Neuenhausen

Bouchstraße 75, 12435 Alt-Treptow

Sonntag, 18. Dezember 2012, von 10 bis 18 Uhr,


Tatjana Rabe
Ein Beitrag von

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als Karriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: „Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon.“

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