Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich in meinem Bett in einen überdimensionierten Käfer verwandelt. „Naja“, sagte ich mir da, „immer noch besser als ein Pantoffeltierchen.“ Zwar konnte ich auf dem Rücken liegend aufgrund meiner so plötzlich veränderten Physiognomie nicht aufstehen. Doch dadurch war ich endlich einmal gezwungen, über das Leben allgemein und das in meinem neuen Körper im Besonderen nachzudenken. Wann macht man das denn heutzutage überhaupt noch? Sich mal nicht vom Alltagsstress schon beim Öffnen der Augen quälen lassen, die Hektik ausblenden. Durchatmen. Entspannen. Einfach mal Käfer sein. So gut wie nie! Daher kam mir der unfreiwillige Perspektivenwechsel sehr gelegen.

Wie ich mir über den glänzenden Chitinpanzer strich, plante ich mein weiteres Vorgehen für den Tag. Jede unerwartete Situation lässt sich schließlich durch eine gewisse Struktur gleich viel leichter meistern. Normalerweise hätte ich mir nach dem Aufstehen Frühstück gemacht und wäre zur Arbeit gegangen. Da ich immer noch auf dem Rücken lag, drohte ich bereits hier fatal zu scheitern. Glücklicherweise schlafe ich stets bei offenem Fenster, sodass ich eine hereinwehende Brise zum Wenden nutzen konnte, indem ich alle sechs Beine als Widerstand in die Luft reckte. Schwupps, landete ich bäuchlings und konnte mich erstmals mit meiner neuen Motorik vertraut machen. Die Fortbewegung als Käfer unterscheidet sich von der des Menschen vor allem darin, dass man sehr viel näher am Boden bleibt und demzufolge die Übersicht fehlt, was denn hinter dem nächsten Möbelstück kommen könnte. Dieser Nachteil gleicht sich allerdings durch extremes Klettergeschick wieder aus. Nachdem es mir auf dem Teppich zu langweilig geworden war, krabbelte ich meine Schlafzimmerwand nach oben. Gerade Berliner Altbauwohnungen können als Käfer so viel intensiver genutzt werden. Ich nahm mir vor, über dem Kleiderschrank zeitnah noch ein paar Poster hinzuhängen und mir eine gemütliche Leseecke einzurichten. Hier hatte ich allerdings auch Glück, wollte mich doch eine dicke Spinne in ihrem Netz einfangen und Rache für meine Staubsauger-Aktion aus der vorherigen Woche nehmen. Zu ihrem Pech reichten ihre mickrigen Fäden für meinen massigen Körper jedoch nicht aus. Nach einem ersten Schock schüttelte ich mir den klebrigen Klumpatsch so gut es ging von den Beinen, wünschte noch einen schönen Tag und machte mich auf den Weg Richtung Küche.

Dort fiel mir schnell auf, dass das Fehlen von Daumen das Öffnen von Plastikverpackungen und Gläsern deutlich erschwert. Frustriert ließ ich das Frühstück ausfallen und machte mich für die Arbeit fertig. Eine Zeit lang zerbrach ich mir den Kopf, ob ein Paar Schuhe genügen würde oder es sich eher schickt, wenn auch meine mittleren Beine besohlt sind. Da ich kein Paar doppelt besitze, entschied ich mich für die erste Variante.

Ob es letztlich daran lag, dass mich die Leute im Bus so anstarrten, oder aus einem anderen Grund, vermag ich nicht genau zu sagen. Verunsichert stieg ich nach nur einer Station wieder aus und suchte zu Hause nach einer anderen Fahrmöglichkeit. In der Garage fand ich ein altes Tandem, das ich so gut wie nie benutzt hatte. Der Mehrzahl meiner Extremitäten sei Dank, konnte ich alle Pedale allein bedienen und kam erstaunlicherweise sogar noch vor dem Bus am Bürogebäude an. Ich profitierte erneut von meinen bis dato nicht vorhandenen zusätzlichen Gliedmaßen, als ich am Computer einen Text schrieb. Schneller konnte kein Kollege auf der Tastatur tippen. Genützt hat es mir trotzdem wenig. In der Mittagspause zerkleinerte ich gerade etwas Kartoffelbrei mit meinen Kauwerkzeugen, als ich meinen Chef mit ein paar Mitarbeitern tuscheln sah. Kurz darauf kam er zu mir und teilte mit, ich wäre gefeuert. Auf meine Nachfrage nach einer Begründung meinte er nur, ich solle den Mund halten und endlich verschwinden.

Wer nun denkt, ich gebe einfach auf, hat sich gewaltig getäuscht. Schon länger reift in mir die Idee, mehr für die Käfer in diesem Land zu tun. Darum werde ich die KPD gründen (Käferpartei Deutschland) und für gleiche Rechte kämpfen. Mehr Krabbelgruppen, Wahlrecht, Ehe für Käfer und auch grüne und rote Ampelkäfer. Unser Motto: Wir lassen uns nicht treten! Wenn unsere Bemühungen fruchten, können Mensch und Käfer vielleicht eines Tages glücklich Seite an Seite leben. Oder wie würde es Johann Wolfgang von Goethe sagen? Hier bin ich Käfer, hier darf ich es sein.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“