Jetzt, wo das Wetter wieder so gut ist, dass man keine Ausrede mehr dafür hat in der Wohnung zu bleiben, zwinge ich mich tatsächlich dazu, ab und an laufen zu gehen. Vor drei Jahren habe ich sogar für teures Geld extra Lauf-Schuhe mit dynamischer Sohle, thermoregulierende Lauf-Hosen und spezielle Shirts gekauft. Letztere natürlich ungeheuer atmungsaktiv, schnelltrocknend und so leicht, dass man sie beim Tragen kaum auf der Haut spürt. Dafür spürte sie mein Kontostand umso intensiver, was zwar noch nicht mich, dafür aber meinen Bankberater gehörig ins Schwitzen brachte. Allein der Kauf hatte also schon eine ungemein sportliche Wirkung.

Allerdings argumentierte mein blöder Schweinehund alsbald, dass ich solch wertvolle Kleidung doch nicht einfach so für die profane Joggingrunde im Wald verwenden könne, sondern das Lauferlebnis zelebrieren müsse. Und dies war eben nur durch gezielte Trainingseinheiten möglich. Schließlich nimmt man eine Sache nicht mehr als Besonderheit wahr, wenn man sie jeden Tag erlebt – lieber Klasse statt Masse. In meiner Lethargie und Trägheit gefangen, gab ich ihm Recht. So kommt es, dass meine ziemlich professionelle Ausrüstung noch heute wie neu aussieht – und ich vom Fitnesslevel her eher bei Masse statt Klasse einzustufen bin. Aber jetzt wird ja alles anders! Jetzt ist Sommer! Jetzt ist Weltmeisterschaft! Jetzt sieht man wieder öfter Leute in Fußballtrikots auf der Straße vorbeipreschen. Leute, die bald wieder von der Leistung ihres Lieblingsteams beflügelt werden und irgendwie aber-gläubig hoffen, dass die eigene Mannschaft umso besser spielt und weiterkommt, je mehr man sich selbst quält. Als gäbe es so was wie ein für soziale Gruppen zuständiges Karma. In dieser spirituellen Verbundenheit rennen die Durchschnitts-Lahms, -Schweinsteigers und -Müllers in ihren nicht lizenzierten Trikots, als hinge ihr Leben davon ab.

Immer wenn ich mich zur körperlichen Ertüchtigung durchgerungen habe und in meiner vollen Sport-Montur den Hausflur lang schlurfe, kommt mir meine ältere Nachbarin entgegen. „Wollen Sie etwa schon wieder laufen gehen?“, fragt sie für gewöhnlich. Ich nicke dann meist mit ernster Miene und entgegne Dinge wie: „Ja, tatsächlich schon das zweite Mal in diesem Jahr.“ Ehrfürchtig, ja fast versteinert schaut sie mich daraufhin an. Zumindest bis sie energisch den Kopf schüttelt und sich mit einem „Sport ist Mord!“ verabschiedet. Aber stimmt das? Der Logiker in mir ruft „Nein!“, denn wenn es Mord wäre, würde doch unser Rechtsstaat dagegen vorgehen. Außerdem zwingt man sich aller Wahrscheinlichkeit nach überwiegend selbst zum Sporttreiben, was wiederum bedeutet, dass es sich um Selbstmord handeln würde. Beim gepflegten Breitensport sogar um Massenselbstmord!

Trotzdem sehe ich unterwegs viele Jogger, deren christliche Konfession mir wohl bekannt ist – alles Sünder? Sünder, die laut Strafkatalog der Bibel im Fegefeuer schmoren werden oder dazu verdammt sind, einen kompletten Marathon in Jesuslatschen zu laufen …

Vielleicht ist es hilfreich, wenn die Aussage „Sport ist Mord.“ nicht als absolute Tatsache dargestellt wird, sondern wir sie eher als mögliches Ergebnis eines Prozesses verstehen. Doch wann hört Sport auf, wo fängt der Mord an? Unter Umständen geht es gar nicht um den Sport, den man mit seiner eigenen physischen Existenz betreibt. Sportliche Großereignisse wie die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien locken Millionen Zuschauer in die Stadien, zum Public Viewing und vor die Fernsehgeräte. In einem klassischen Mordfall à la Miss Marple ist es der Gärtner mit der Rohrzange im Wintergarten. Beim Fußball ist es der Schiedsrichter mit dem Elfmeter für das gegnerische Team in der Nachspielzeit …

 

 


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“