allende_elfter_september

Mutti sah einfach phantastisch aus! Zur sportlichen Frisur trug sie einen kurzen orangebraunen Wildledermantel mit dazu passender Schirmmütze in gleichem Material. Das bunte Tuch um den Hals gab ihr zudem etwas Verwegenes. Sie war 36 und ich gerade 6 und mein Bruder 4 Jahre älter und unsere Hosen hatten ordentlich Schlag. Meine Eltern ergänzten sich bestens. Vati kümmerte sich ums Kochen, Mutti um Kultur.

Der alte Friedrichstadtpalast war ein düsterer Kasten, dessen Innenausstattung einer gewaltigen Tropfsteinhöle glich. Ich erinnere mich, dass ich einem großen Auftritt von Clown Ferdinand beiwohnte, den ich mit Sicherheit zum Brüllen komisch fand. Außerdem war ich dort mit Mutter und Bruder während der Weltfestspiele zum ersten Mal beim Festival des politischen Liedes und das war wiederum eine ernste Sache, für uns Kinder womöglich etwas lang, mitunter langweilig, aber Mutti war beseelt von der Musik und das kam uns in jedem Fall zugute.

So hätte ich heute wohl allen Grund, über das Ausmaß an politischer Indoktrination zu klagen, dem ich schon in jüngsten Jahren ausgesetzt war, denn was ging es die Blauhemden vom Oktoberklub an, wo ich stand und »Hoch die internationale Solidarität!« übte ich beinahe täglich, wann immer mein Bruder seinen Anteil an unseren gemeinsamen Süßigkeiten aufgebraucht hatte. Aber ganz ehrlich, mit sechs Jahren, im Sommer ’73, war mir die kommunistische Propaganda mehr als recht, denn es war sonnig und es war warm und während der Weltfestspiele war überall was los und wir immer mitten drin und im Mecklenburger Dorf gab es Fassbrause und riesenhafte Bratwürste und ich war überzeugt, dass es sich bei jedem Schwarzen, den ich sah, um einen tapferen Befreiungskämpfer handelte.

Wenige Wochen später drang unvermittelt ein nachhaltiges Störgefühl in diese sorglos sozialistische Kindheit. Da waren die Bilder vom brennenden Regierungssitz in Santiago de Chile, da waren die Bilder aus dem Stadion und auch das Foto eines Panzers, vor dessen Ketten eine Reihe Zivilisten auf der Straße lag, so dass man sich zwangsläufig fragen musste, ob das stählerne Ungetüm im nächsten Augenblick über sie alle hinweg rollen würde. Das wirkungsvollste Bild war aber das von Salvador Allende im Kreise seiner Getreuen – ein älterer Herr mit Brille und Stahlhelm, mit einer Maschinenpistole in der Hand. Dieses Foto wurde mir mit den Jahren, mehr als jedes andere, ein ganz persönliches Sinnbild zum Verständnis unserer Welt. Es sind die letzten Aufnahmen des frei gewählten chilenischen Präsidenten. Wenig später warfen Flugzeuge Bomben aus der Luft.

Beim folgenden Festival des politischen Liedes im Februar ’74 waren auch wieder Chilenen zu Gast. Inti Illimani und Quilapayún lebten nun im Exil. Ihr einstiger Mitstreiter, der Sänger Victor Jara, war im Fußballstadion gestorben. Einige seiner Melodien, wie »Te Recuerdo Amanda«, »Plegaria a un Labrador« und »Canto Libre«, bekam ich nie mehr aus dem Kopf. Zehn Jahre später lief der Film »Missing« im Kino. Jack Lemmon spielte den US-Amerikaner Ed Horman, der während des Putsches nach Chile kommt, um seinen vermissten Sohn aus möglichen Schwierigkeiten zu holen. Im Verlaufe seiner vergeblichen Suche werden ihm die Verstrickungen der eigenen Administration offenbar. Die USA führten auch bei diesem blutigen Putsch im Hintergrund Regie, um ihren Way Of Life zu behaupten. Der Film schildert eine wahre Begebenheit. Charles Horman wurde 1973 als unliebsamer Zeuge der Ereignisse in Chile ermordet.

Manches, was damals zu hören war, erwies sich später als propagandistische Übertreibung. So wurde Salvador Allende nicht im Kampf vom Militär erschossen. Dem kam er selbst zuvor. Und es stimmt auch nicht, dass man Victor Jara die Hände abhackte, bevor man ihn zu Tode prügelte. Seine Hände wurden lediglich mit Gewehrkolben zertrümmert und bei einer späteren Obduktion fanden sich 40 Schüsse in seinem Körper.

Was aus diesen fernen Kindertagen herrührt, ist ein tiefes inneres Unbehagen, wann immer in wohlfeilen Reden Freiheit, Demokratie und westliche Werte gepriesen werden, denn seit dem 11. September 1973 habe ich eine Vorstellung, was damit gemeint ist.


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“