Maulbeere Dietrich

Ehrlich gesagt, ich sehe nicht mehr durch. Seit die Flüchtlinge zum alles beherrschenden Thema geworden sind, verschwimmt die Realität wie im Nebel. Es geht mit Angela Merkel los. Ihr klares Bekenntnis zur Aufnahme von Flüchtlingen hat mich zu einer fragwürdigen Bemerkung verleitet: Zurzeit bin ich stolz auf Deutschland.

Als meine Frau und ich wie jedes Jahr zum Geburtstag eines Bekannten eingeladen waren, habe ich diesen Satz von mir gegeben. Reden ist Silber, Schweigen wäre Gold gewesen. Am Tisch saßen lauter Pärchen, und nachdem man sich nach dem Essen auf den neuesten Stand gebracht hatte, wie gut die Kinder in der Schule sind und welche Studien sie anstreben, kam das Gespräch, auch wie jedes Jahr, auf die Politik. Vor einem Jahr sprach man ein bisschen über den Ukraine-Konflikt, über den Vormarsch des IS und den Widerstand der Kurden, nichts Ernstes also.

In diesem Jahr gab es nur ein Thema, und ich – ganz verwirrt davon, plötzlich ein Merkelianer zu sein – ließ jenen Satz fallen. Die Sympathien flogen mir zu, aber nicht weil man meine Ansichten teilte. Nein, diese Worte – stolz auf Deutschland – konnten in diesem Zusammenhang nur eins bedeuten. Ich hätte doch auch etwas gegen Überfremdung, so hofften sie wohl. Ein Missverständnis, aber in ihren Augen war ich einer von ihnen. Ich hätte doch auch die Schnauze voll von Lügenpresse und Meinungsmache. Von Islamisten, Terror und Kopftüchern war die Rede und von Fernsehsendern, die über nichts andres als Willkommenskultur berichten würden. Aus erster Hand erfuhren wir, dass in Dresden jeden Montagabend nette Spaziergänge durch die Innenstadt führen, bei denen der gute Freund des einen Pärchens sogar regelmäßig dabei ist. Der Nebel des Grauens zieht überall auf.

Ich sah mich gezwungen, einiges richtig zu stellen und bediente mich im Eifer des packenden Vokabulars von Sigmar Gabriel, meine Frau sagte gar nichts mehr. Sie überlegte wohl auch, in was für eine Gesellschaft wir da geraten sind.

Überall Nebel.

Und noch dicker kam er, als unsere Familie ein paar Tage später vorm Fernseher feststellen musste, dass man mit dem Gedankengut der Pegida einer Meinung sein kann. Da hat doch Tatjana Festerling den „Säxit“ vorgeschlagen, den Austritt Sachsens aus Deutschland und Europa. Kaum zu glauben: Die neue Frontfrau der Pegida, die sogar der AfD zu weit rechts ist, hat bei so einem gemütlichen Spaziergang unterm Galgen einen Gedanken ausgesprochen, der auch von mir hätte sein können. Good bye, Sachsen. Das wäre es doch! Meinte sie das jetzt als Drohung oder als Versprechen?

Ich führte den Gedanken aus, dass die Pegida-Frau mit unserem Horst aus München da genau auf einer Linie läge. Dessen Lösungsvorschläge zielten in die gleiche Richtung. Notwehr, Transitzone, Grenzabriegelung nach Österreich – alles untermauert von gewaltigen Drohkulissen, einer Verfassungsklage oder dieser genialen Idee, (die auch von mir hätte sein können), die CSU-Minister aus der Koalition in Berlin abzuziehen. Ein Versprechen? Mit letzterem Vorschlag wäre dem Land wirklich geholfen. Leider ist nichts daraus geworden!

Unser Großer platzte in meine Redeflut: Haben Bayern und Sachsen eine gemeinsame Grenze? Ja, nur wenige Kilometer zwar, aber, wie unser Sohn fand, genug, um Sachsen und Bayern gemeinsam auszugliedern. Wie man das neuartige Gebilde auf der Landkarte nennen sollte, interessierte nun den Kleinen. Bachsen? Sayern? Transitzone? Am meisten Applaus fand: Pegidastan.

Vor dem Fernseher holte uns die Realität wieder ein, als Miss Säxit vorschlug, einen Zaun um Deutschland zu ziehen. Wie können Menschen aus der ehemaligen DDR die Einmauerung wollen? Ist man dort vor mehreren Jahren nicht auch immer montags unter anderem für die Reisefreiheit auf die Straße gegangen?

Unsere Gedanken liefen weiter: Soll sich der der doppelte Freistaat doch selbst einzäunen. Die spontane Idee, aus Pegidastan eine Transitzone zu machen, verwarfen wir sofort wieder. Zu unmenschlich! Wir stritten darüber, ob es wenigstes als sicheres Drittland einzustufen sei. Und wer die Geschicke dieses Staates besser führen könne, Horst Seehofer oder Lutz Bachmann. Einigkeit herrschte in einem anderen Punkt: Pegidastanern wird kein politisches Asyl gewährt!


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"