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Auch die Allende-Brücke

Dass man sich mal verrechnet, ist ja eine durchaus menschliche Fehlleistung. Bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat sich jedoch eine Panne ereignet, die die Verantwortlichen in Erklärungsnot bringt. Es geht um die Sanierung der Salvador-Allende-Brücke, die seit anderthalb Jahren nur noch einspurig in beide Richtungen passierbar ist. Wegen des fortschreitenden Schadens soll 2017 mit dem Neubau ernst gemacht werden, eine Überprüfung der bisherigen Kostenschätzung war nötig. Bisher glaubte man immer, das Neubauprojekt sei mit 15,5 Millionen Euro zu bewältigen. Aus einem Schreiben an den Vorsitzenden des Hauptausschusses im Abgeordnetenhaus geht aber nun etwas anderes hervor. Es datiert vom 31. August 2015.Staatssekretär Christian Gaebler legt darin dar, warum der ursprüngliche Betrag nach oben korrigiert werden muss – auf immerhin 31,7 Millionen Euro. Ganz einfach, die Planer hätten bei der Kalkulation von 2005 außer Acht gelassen, dass die alte Brücke erst einmal abgerissen werden müsse. Außerdem hätten sie damals noch nicht wissen können, dass eine Hälfte der Brücke erhalten bleiben muss, um den Verkehr beim Neubau aufrechtzuerhalten. Und das alles unter erschwerten Bedingungen, wie sich jetzt gezeigt habe. „Die Standsicherheit des Bauwerks ist zu gewährleisten“, so lange die eine Hälfte der Brücke zerlegt wird und auf der anderen der Verkehr weiterrollt. Trotzdem klingt das irgendwie widersprüchlich. Erst heißt es, die Planer würden nicht an den Abriss denken, dann wiederum nicht daran, die Hälfte des Baus stehen zu lassen. Was denn nun? Auf alle Fälle treibt das alles die Kosten in die Höhe. Dabei ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. „Risiken für noch ausstehende und noch nicht bezifferbare Leistungen (Verkehrsführung auf unter der Brücke während der Bauzeit, Leitungsbau, Genehmigungsverfahren, Erkenntnisse aus noch vorzunehmenden Baugrunduntersuchungen) konnten hierbei noch nicht berücksichtigt werden.“ Kurz: Es wird alles noch teurer!

Wir vom Maulbeerblatt haben bei der Sprecherin des Bauressorts nachgefragt, wie es zu dieser Fehlkalkulation kommen konnte. Petra Rohland spricht – mit nicht ganz glücklicher Wortwahl – von einer „groben Annahme“. Bei der Kostenaufstellung vor zehn Jahren habe man so Pi mal Daumen mit 4.000 Quadratmeter Brückenfläche gerechnet, und ist so auf jene hübsche Summe von 15,5 Millionen Euro gekommen. Dabei, so die Sprecherin, habe man sich auf Erfahrungswerte gestützt.

Wahrscheinlich hatten diese Mitarbeiter vor allem Erfahrung darin, die Kosten klein zu rechnen. Falls sie nicht von vornherein zu den Würfeln gegriffen haben. Die Erklärung „grobe Annahme“ grenzt da schon an eine Frechheit, musste die Summe doch um mehr als 100 Prozent nach oben korrigiert werden. Grober Irrtum hätte das Missgeschick besser getroffen.
Immerhin ist diese Zahl von 15,5 Millionen Euro in die Finanzplanung des Landes Berlin eingeflossen, 2010 vom Hauptausschuss abgenickt worden und 2013 für die Haushaltsjahre 2014/15 noch einmal fortgeschrieben worden. Was, wenn sich nun herausstellen sollte, dass dies nicht die einzige Fehlziffer im Finanzplan des Landes Berlin ist, sondern sich lauter „grobe Annahmen“ aneinanderreihen?

Bleibt die Frage, warum die Korrektur erst jetzt erfolgt. Man muss wissen, dass die 1981 eröffnete Salvador-Allende-Brücke am so genannten Betonkrebs leidet, der Fachbegriff dafür nennt sich Alkali-Kieselsäure-Reaktion, kurz AKR, und ist vereinfacht gesagt, auf eine minderwertige Betonmischung aus DDR-Zeiten zurückzuführen. Der Schaden ist schon zur Jahrtausendwende diagnostiziert worden. Aber dass auch Rampen, Widerlager und Stützwerke ausgedient hatten, will man, so Gaebler, zu diesem frühen Zeitpunkt nicht erkannt haben. Das mag ja stimmen, aber die Sperrung der westlichen Fahrbahn im Februar 2014 erfolgte aufgrund der Daten eines Riss-Monitorings. Der fortschreitende Verfall war dokumentiert worden, die Alarmglocken haben bei den Verantwortlichen aber nicht geschrillt. Trotz des so gravierenden Schadens wurde 2013 die alte Kostenschätzung einfach in den Etat für 2014/15 mit herübergenommen. Warum diese an „überschlägigen Kenngrößen orientierte Kostenermittlung“ – Gaeblers Formulierung für „grobe Annahme“ – erst jetzt präzisiert werden konnte, verschweigt er nicht: Es habe „personelle Kapazitätsengpässe“ gegeben. Sparzwang, zu wenig Mitarbeiter, wir kennen das – und ahnen auch: Die Planer, die das verbockt haben, wurden bestimmt nicht eingespart.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"