Brillantine

Wenn man die Deutschen fragt, mit wem sie gern in einem verschwiegenen Landgasthof eine heiße Winternacht verbringen würden, hauchen jede zweite Frau und jeder dritte Mann seinen klangvollen Namen. Alle Übrigen wären natürlich ebenfalls dazu bereit, wenn sie damit den Krieg in Afghanistan oder wenigstens die weitere Nutzung der Atomkraft beenden könnten. Jede vierte Frau will gar ein Kind von ihm. Unter den Männern sind dies etwas weniger. Davon unbenommen wünschen sich 52% aller Deutschen, er wäre ihr neuer Bundeskanzler und stolze 78% verbinden mit ihm die Forderung nach Wiedereinführung der Monarchie.

Mit all diesen Zahlen lässt sich das Phänomen jedoch nur sehr ungenau beschreiben. Er ist jung, er ist schön, er ist erfolgreich. Er ist ein Mann wie er im Buche steht und das Blut in seinen Adern ist von Geburt an blau. Bereits als Wirtschaftsminister zeigte er klare Kante. Seit er jedoch als Verteidigungsminister Soldatenbegräbnisse mit seiner Anwesenheit adelt, empfinden wir unseren Befreiungskrieg am Hindukusch allerhöchstens noch als halb so schlimm. Ja, einer wie er redet nicht drum herum. Er nennt die Dinge beim Namen. Er packt auch heiße Eisen furchtlos an. Aus der Bundeswehr, diesem schlaffen Amateurverein, will er eine kampfstarke Profitruppe schmieden und jedem, der sich ‚Sieben auf einen Streich‘ auf den Gürtel sticken könnte, winkt künftig ein neuer Kämpfer-Orden aus seiner Hand. Ob auf dem roten Teppich mit seiner zuckersüßen Stephanie, beim AC/DC-Konzert in Jeans und T-Shirt oder mit kugelsicherer Weste beim Truppenbesuch in Kunduz, er macht immer eine blendende Figur. Er verhilft der alten Bundesrepublik zu neuem Glanz. Er ist die krönende Kirsche auf unserer Sahnetorten-Demokratie. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ist der George Clooney der Berliner Republik, der Harry Potter der bürgerlichen Mitte, der Günter Jauch seiner Partei und einfach alles, was Guido Westerwelle, Reiner Brüderle und Philipp Rössler auch zusammen niemals sein werden. Keiner verkörpert so wie er unsere Werte und Tugenden. In Ihm vereinen sich Tradition und Zukunft. Er ist der Labtop in der Lederhose. Guttenberg kann Kanzler und wenn es darauf ankommt – auch Kanzlerin.

Ohne Zögern würden wir ihm unsere Kinder anvertrauen. Bei ihm würden wir Oma und Opa in Pflege geben. Er könnte im Urlaub auf unsere Meerschweine aufpassen und von ihm ließen wir uns jederzeit ein gebrauchtes Auto verkaufen, einen Staubsauger an der Wohnungstür und natürlich jede Art von Versicherung. 83% aller Bundesbürger würden für ihn anrufen. Er wäre mit Sicherheit unser nächster Popstar, unser Supertalent, unser Deutschland sucht den Superstar. Wenn er es wollte, könnte er noch heute ‚Wetten das…?‘ moderieren, den ‚Musikantenstadl‘ oder die Harald-Schmidt-Show und wenn immer mehr Menschen in Stuttgart und entlang der Castor-Strecke auf die Barrikaden gehen, dann klagen die meisten von ihnen völlig zurecht: „Ach wenn doch nur unser junger Freiherr von all diesen Sauereien etwas wüsste!“

Bei Redaktionsschluss erreichen uns aktuellste Umfragewerte. Demnach stehen die Namen Karl-Teodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester bei jungen Eltern am höchsten im Kurs und für satte 97% aller Befragten ginge ein Traum in Erfüllung, wenn der Einzigartige am Heiligen Abend als Weihnachtsmann an ihre Tür klopfen würde.


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“