kiezspaiziergang

Kiezspaziergang durchs Allende -Viertel

Gäbe es nicht die DRK-Kliniken Köpenick, deren Besuch oft mit sehr schlechten und auch traurigen Erinnerungen verbunden ist, mir persönlich wäre das All erspart geblieben, irgendwie birgt das All nicht sehr viel Aufregendes, was einen Besuch lohnenswert macht. Erschaffen auf dem Reißbrett betonsüchtiger DDR-Architekten, wurde Anfang der 70er hier schon mal der Ernstfall „Neue Stadt“ geprobt.

Zügig pfeift der Wind, auch wenn er gar nicht da ist, durch die Straßenzüge und verliert sich im Müggelwald, um von dort aus wieder den Rückweg ins All anzutreten.

Typisch DDR versteckt sich hinter dem Freiheit und Weite, Solidarität und Humanismus vortäuschendem Namen rationelles, menschenfernes Denken und die Sorge darum, wohin mit dem Typ DDR-Bürger, der mit 45 nicht mehr bei Mutti wohnen wollte. Ganz einfach war die Antwort: Schublade auf und Warmwasser dazu, schon lässt uns der Nörgler wieder in Ruh. Weil die Wohnsiedlung Amtsfeld, so hieß das All nämlich ursprünglich, bis sich der Name des ermordeten chilenischen Präsidenten für dieses grausame Fleckchen Erde einbürgerte, so ein richtiger Verkaufsschlager war, presste man Anfang der 80er dem Müggelwald gleich noch ein All 2 ab, bis man auf die Idee kam, den Rand von Berlin weiter im Norden durch Betonierung zu vernichten. Und doch oder vielleicht gerade wegen der ungemütlichen Umgebung entwickelte sich hier ein tolles Pflänzchen, das seinen Ortsteil bei den Skatern in aller Welt bekannt gemacht hat.

Mittlerweile ist ja die DDR Vergangenheit. Der nörgelnde DDR-Bürger ist immer noch da, er ist immer noch 45, bezahlt mit Ostgeld im neuen Allende- Einkaufscenter, es gibt noch den Bürgerverein und der All- Bewohner ist auch stolz auf seine Heimat. Diese Art trotzigen Stolzes ist mir als Obweider ja nicht fremd und ich muss zugeben, dass ich beim Besuch von Freunden in einem der Hochhäuser von All 2 einen phantastischen Ausblick auf unseren grünen Bezirk Köpenick hatte. Wer dort wohnt, muss nicht nur von Romantik träumen.

Als Alternative zum Fernsehwochenende steht gelegentlich ein Besuch im Eiche-Kasino an, um ein wenig unter Gleichgesinnte zu geraten und den Alltagsfrust zu ersäufen. Etwas nüchtern wirkt die Reklame fürs Eiscafé Vaseline, man sitzt im Schatten der Allendebrücke und kann seinen „Knickebein“ in Gemeinschaft zusammen mit dem Kännchen „Reh braun“ genießen, das ist Ost-Betonromantik pur. Wer es mag, der bekommt die große Überraschung mit der Rechnung, denn Evelin lockt mit Preisen wie beim Besuch einer Edelhure. Weitere kulinarische Leckerbissen konnte ich im ÜberAll nicht erhaschen, weil es mich irgendwie – möglicherweise auf Grund der fehlenden Schwerkraft dieses Quartiers – schnell Richtung Umgehungsstraßen zog und damit ist dann das All auch schon wieder vergessen.

In meiner mittelbaren Umgebung gibt es reichlich Menschen, die es nach dem Hotel Mutti schnell aus dem All in Viertel mit mehr Tiefgang zu ziehen pflegte.

Dem Herrn sei Dank ist mir Wohnerfahrung im Plattenbau erspart geblieben und ich werde alles daran setzen, meine Nachkommenschaft ebenso davor zu hüten.

 


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)