maulbeerblatt ausgabe 2

Back to the roots – über die Entscheidung hier zu leben
Friedrichshagen. Meine Heimat. Mein Leben. Doch mit 19 wollte ich einfach nur weg. Friedrichshagen kotzte mich nur noch an. Ich wollte raus; wollte dorthin, wo sich das „richtige“ Leben abspielt. Keine Lust mehr auf die großdörfliche Atmosphäre. Wo jeder jeden kennt. Bloß weg von dem Ort, wo ich mich einst doch so geborgen fühlte. Fremd sein, das war mein Ziel. Fern von fremden Gesichtern, die ich doch mein ganzes Leben lang kannte. Und vor allem fernsein von Nachbars Blicken.

Das war vor fast zehn Jahren. Nun bin ich wieder hier. Und ich komme nicht allein – ich habe jemanden mitgebracht. Einen kleinen, süßen Fratz, der in meinem dicken Bauch Purzelbäume schlägt. Wo das „richtige“ und wo das „falsche“ Leben spielt, habe ich noch nicht herausgefunden. Was ich aber weiß, ist, dass sich mein Leben von nun an wieder in Friedrichshagen abspielt. Ich möchte nicht mehr fremd sein. Will Gesichter wieder erkennen. Geborgenheit fühlen. Es ist wieder „mein“ Friedrichshagen. Es ist ein Friedrichshagen, das mich an früher erinnert, das seinen alten Charme behalten hat, und das sich dennoch verändert. Ständig und immer wieder. Und die Richtung gefällt mir. Hier bleiben wir!

Mit dieser Meinung bin ich offensichtlich nicht allein. Vor allem Familien mit Kindern scheinen sich in Friedrichshagen wohl zu fühlen. Die Zahl der Zuzüge sind schon seit Jahren höher als die Zahl der Fortzüge. Die Kinder-pro-Kopf-Zahlen erleben signifikante Anstiege. Geht man mit offenen Augen durch Friedrichshagen, kann man sie sehen. Jeden Tag.
Beispiel: Treffpunkt Bölsche. Die Muttis schieben ihre Liebsten durch ganz Friedrichshagen. Ob allein, zu zweit, zu dritt. Mutter-Kind Gruppen gehören hier mittlerweile zur Tagesordnung. Wer mir nicht glaubt, geht Freitagmorgens ins Mauna Kea und schaut sie sich an: Dort findet man sie, die stolzen Mütter mit ihren lebendigen Kindern. Ebenfalls nicht ungewöhnlich in Friedrichshagen: Gruppen von Muttis sitzen bequem beim Italiener – und stillen ihre Kinder. Das ist Friedrichshagen. Keine verhuschten Blicke. Keine schüttelnden Köpfe. Keine negativen Kommentare. Es ist Alltag. Und noch viel mehr: Kinder gehören zum guten Ton, aber vor allem gehören sie nach Friedrichshagen. Aber warum? Was macht diesen Ort für junge Eltern so attraktiv?

Ist es die Kleinstadtatmosphäre? Sind es die Wälder, der Müggelsee, die Spree, der Spreetunnel? Oder ist es die immer größer und vielfältiger werdende Kunst-, Kultur-, Literatur und Gastroszene? Fakt ist, Friedrichshagen liegt ein bisschen außerhalb vom Trubel der Großstadt, dennoch nicht „fernab vom Schuss“. Wer Lust auf Party hat, kann in Friedrichshagen bleiben. Oder in die S- Bahn steigen. Eigenschaften, die überzeugen. Vor allem jungen Familien mit Kindern. Spielplätze finden sich an allen Ecken. Kinderläden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Beispiel „Manita“: Hier kann die Mutter bei einem gepflegten Kaffee Latte seinem Kind beim Spielen zusehen. Oder Second Hand einkaufen. Oder mitspielen. Das seit Ende letzten Jahres eröffnete Geburtshaus war heiß ersehnt. Ein Zentrum der Begegnung für Schwangere und Mütter. Es lässt die Herzen der Mütter, Schwangeren und Väter höher schlagen. Betreuung von der Schwangerschaft bis zum Wochenbett. Sanfte Mittel bei Beschwerden, wie Homöopathie und Akupunktur. Fast alles ist möglich. die Eltern haben die Qual der Wahl.

Doch in Friedrichshagen scheint sich nicht nur ein neues Bewusstsein entwickelt zu haben. Kindererziehung hat sich revolutioniert. ähnlich wie die Mode. Alles ist erlaubt. Jeder wie er will. Aber bitte nicht so wie alle anderen. Kindererziehung ist eine bewusste Einstellung. Wie Glaube und Religion. Heutzutage haben Eltern die Wahl. Es fängt bei der Geburt an und mit der Frage: Wo soll es denn kommen? Im Krankenhaus, im Geburtshaus, in einer Praxis, bei mir zu Hause? Im Wasser, im Bett, auf einem Hocker, halbsitzend, auf der Seite oder wie wär`s mit dem Vierfüsslerstand? Es folgen Entscheidungen über Impfungen und die Frage, ob teuer auch gleich sinnvoll ist. Ach ja: was ist mit dem Kinderarzt? Homöopath, Naturheilkundler oder einer, der auch vor Chemie nicht zurückschreckt? Auch in der Kindergartenlandschaft hat sich viel getan. Friedrichshagen bietet zehn Kindergärten. Zwar oft mit langen Wartezeiten, dafür aber auch mit großer Auswahl: Waldorf- und Montessori- Pädagogik, oder Kindererziehung nach Richtlinien des sogenannten „situativen Ansatzes“?
Noch nie wurden Schwangere und Mütter so ernst genommen wie heute. Die Antworten auf Fragen sind nicht mehr fremdbestimmt. Jedes Paar, jede Mutter bestimmt selbst. Sie müssen sich „nur“ aus dem riesigen Topf voller Angebote, Richtungen, Forschungsergebnissen, Erfahrungen und Meinungen das Passende für sich und ihr Kind heraussuchen. Das erhöht Chancen – aber auch die Unsicherheit. Dazu nur ein Tipp: kümmert euch, schaut genau hin, schaut Euch alles an, hinterfragt. Aber vor allem: Hört auf Euer Gefühl und darauf, was Eure Kinder Euch sagen auch wenn sie noch nicht sprechen können. Für mich steht jedenfalls fest: Ich bleibe in Friedrichshagen, denn hier habe ich die Wahl. Was aber meinen dicken Bauch betrifft, so bleiben noch tausend Fragen offen.