Anke Assig

Neulich beim Abendbrot. Erschöpft vom Tag denke ich an nichts. Kaue und starre vor mich hin. Das Kind findet das unmöglich und will wissen: „Mama, wie sind eigentlich die Menschen entstanden?“ Wumms, ich bin wieder wach. Frage mich, was die Vierjährigen eigentlich den ganzen Tag in der Kita machen. Sollen die nicht spielen und Mittagsschlaf halten?

Stattdessen scheinen sie eine Art heimliches Check your parents’ Abiturwissen-Programm zu durchlaufen. Bin geschockt. Mit dieser Frage hätte ich frühestens in zwei Jahren gerechnet. Dann hätte ich mich vorbereiten können. Noch mal recherchieren, was die Suchmaschinen unter den Stichworten „Entstehung der Menschheit kindgerechte Erklärung“ ausspucken. Aber so? Ich sortiere meine Gedanken. Das Kind guckt erwartungsvoll. Ärgere mich. Was soll das denn jetzt? Also wirklich. Die Entstehung der Menschheit, phh! Genauso gut hätte sie fragen können, wo die Wurzeln des islamistischen Terrors liegen, wie Auschwitz möglich wurde oder was Edmund Stoiber in Brüssel treibt, um die Bürokratie in Europa abzubauen…

Noch ehe ich fertig gekaut habe, ergreift der Vater das Wort. Er fasst in 120 Sekunden die letzten Jahrmillionen zusammen. Etwa so: dunkles Weltall, riesiger Knall, den aber keiner hören konnte, weil noch niemand da war. Ganz viele Sterne und Planeten, die rumfliegen. Und auch mal zusammendonnern. Mittendrin die Erde. Mit Meer. Fische entstehen und kommen an Land. Verwandeln sich nach und nach, zum Beispiel in Spitzmäuse. Das sind entfernte Verwandte von uns Menschen. Weitere Verwandlungen bis zum Affen, unseren Ururururur-unsoweiter-Ahnen. Irgendwann die Saurier. Nein, hat kein Mensch mitbekommen, war immer noch keiner da. Großer Komet fällt auf die Erde. Es brennt, Aschewolken verdunkeln den Himmel, es wird eiskalt. Saurier finden kein Futter mehr und sterben. Dann wieder wärmer. Abrakadabra, der Urmensch entsteht…

Das Kind hört sich das alles an und sagt „Papa, du schwindelst doch. Gott hat die Erde und die Menschen gemacht!“
Ich schlucke meinen Bissen runter. Finde die christliche Schöpfungsgeschichte plötzlich überaus plausibel. Auf jeden Fall kindgerecht. Bin gespannt, wie sich das Kind den Ukraine-Konflikt erklärt. Werde morgen beim Essen nachfragen.


Anke Assig

Ein Beitrag von Anke Assig

Diplomierte Berlinerin mit Drang ins wildwüchsige Brandenburg. Sucht, hinterfragt, schreibt, liest und singt gern. Buddelt gelegentlich Pflanzen ein und aus. Zitat: "Das wird schon!"