Was bisher geschah: Mein damals 12-jähriger Sohn und ich tauchten entspannt vor der Küste Madeiras auf 22 Meter Tiefe und wollten gerade zum Ufer zurück, als mich eine euphorische – Vater und Sohn erleben ein tolles Abenteuer – Gefühlswallung zu einem fatalen Entschluss verführte: Lass uns diesen großen Felsen, der vor dem Zugang zum offenen Meer liegt, umrunden und einen Blick ins tiefe Blau riskieren! Mein Sohn tauchte auf mein Zeichen voraus, verschwand hinter dem Fels, und als ich wenig später den selben Punkt erreichte, packte mich eine gewaltige Kraft und zog mich hinab. Von meinem Sohn war keine Spur mehr zu sehen …

Meine Hände versuchen ein letztes Mal, nach dem entschwindenden Fels zu greifen, nach irgend etwas, woran ich Halt finden könnte, doch hier gab es nichts zu greifen. Immer noch peitschen meine Flossen gegen die Macht an, die mich mit sich zieht. Flossenschlagend, händegreifend und nach Luft gierend bin ich von einem Blasenschwall eingehüllt und weiß nicht mal mehr, wo Oben und Unten ist. Eine Stimme – eindringlich: Beruhige dich, hör auf zu strampeln, dann bekommst du auch wieder genug Luft, und vor allem, sieh auf deine Instrumente, check deinen Luftvorrat, die Tiefe und den Kompass. George, mein alter Tauchlehrer. Verdammt, wenn der mich hier so rotieren sähe, würde er mir die Kopfhaube samt Ohren langziehen. Hab ich denn alles vergessen, was er mir beigebracht hat? Also dann, zuerst die Luft. Das Finimeter zeigt nur noch knappe 70 bar an. Klar, bei der Strampelei und den viel zu tiefen Atemzügen leert sich die Pressluftflasche in Rekordzeit. Ruhig und gleichmäßig atmen ist hier die Lösung. Na bitte. Jetzt zum Tiefenmesser. Die Nadel zeigt auf 15 Meter. So täuscht man sich, ich hätte jeden Eid geschworen, dass ich nach unten gezogen werde. Doch auch hier wirkt die falsche Atmung. Zu tief und zu schnell. Ich hab mich aufgebläht, mehr Auftrieb erhalten und steige somit immer schneller nach oben. Doch ohne meinen Sohn kann und will ich nicht auftauchen. Also lasse ich etwas Luft aus meinem Tarierjacket und halte die 15 Meter. Nachdem ich meinen Kompass überprüft habe, weiß ich, was hier läuft – eine ziemlich heftige Strömung zieht mich ins offene Meer. Alles klar. Ich hab mich wieder im Griff. Kein Grund zur Panik. Ich weiß, wo ich bin, hab noch ein bischen Luft, jetzt muss ich meinen Jungen finden. Plötzlich dämmert es mir. Hätte ich nicht so sinnlos gegen die Strömung angekämpft, würde ich jetzt wahrscheinlich ganz in seiner Nähe sein. Eine lähmende Angst steigt in mir auf – wenn ich ihn nie wieder finde, ihn für immer verloren habe … Wieder spüre ich eine Naturgewalt nach mir greifen, doch diesmal packt sie mein Herz und presst es zusammen. Mir dreht sich der Magen um. Ich schließe die Augen. Das letzte Bild – seine Augen in meinen, ein Blick voller Vertrauen in mich … Die Faust presst ohne Erbarmen … Alles wird dunkel. Atemlose Stille. Kein Luftverbrauch mehr, keine Bewegung, kein Blasenschwall. Alles endet jetzt und hier.
Etwas packt mein rechtes Bein, bringt mich ins Leben zurück. Ich krümme mich, blicke unter mir durch und sehe in die aufgerissenen Augen meines Sohnes. Mit der linken Hand hängt er an meinem Tauchermesser und mit der rechten macht er hektisch eine waagerechte Bewegung unterhalb seines Kinnes. Jeder Taucher weiß, was das bedeutet. Keine Luft mehr! Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal freuen würde, dieses Zeichen zu sehen. Was heißt freuen, ich liebe dieses Zeichen! Am liebsten würde ich meinen Sohn packen, ihn drücken, möchte jubeln und schreien. Doch seine Augen werden immer größer und ich entschließe mich, dass mit dem Jubeln noch zu verschieben und ihm erstmal Luft zukommen zu lassen. Nach einigen tiefen Zügen aus meinem Ottopus sieht auch er recht glücklich aus hinter seiner Maske und ich glaube, ein Lächeln zu entdecken. Ich selber habe das Gefühl zu leuchten, nein, ich glühe. Wir zeigen uns beide ein O.K. und ich deute mit dem Daumen nach oben. Lass uns auftauchen. Ich greife in die Gurte seines Jackets und er in meine. Langsam, ganz sanft schweben wir aus der Dunkelheit zur hellen Oberfläche hinauf. Vater und Sohn, Arm in Arm. Jeder den anderen beschützend. Wir sehen uns an und ich weiß, er wird immer für mich da sein, so wie ich für ihn …
Dass wir dann an der Oberfläche, schräg zur Strömung schwimmend, ein öffentliches Meeresschwimmbad am Ende der Bucht erreichten, dort unter großem Aufsehen das Drehkreuz am Ausgang passierten, um in voller Montur durch die Küstenstadt zu stiefeln, wird von mir gern bei passender Gelegenheit als lustiges Abenteuer präsentiert. Manchmal ist mein Sohn zugegen, dann schauen wir uns – nachdem das Gelächter der Anwesenden verstummt ist und sie zu anderen Themen gewechselt sind – in die Augen und unsere Blicke sagen mehr, als Worte je ausdrücken könnten.

Die Verbindung zwischen Vater und Sohn spielt auch in meinen aktuellen Filmtipps eine nicht unwesentliche Rolle. Im grandiosen „No Country for old Men“ mit dem oskarprämierten Javier Bardem spielt Tommy Lee Jones einen alten Grenzpolizisten, der am Ende des Filmes einen genialen Traum-Monolog zu diesem Thema hält. Top! Dass die Beziehung zwischen Vater und Sohn aber auch eine zerstörerische Naturgewalt sein kann, zeigt Sidney Lumet in seinem neuen Film „Tödliche Entscheidung“. Gewohnt stark Philip Seymore Hoffman, und auch Ethan Hawke passt perfekt als Lieblingssohn. Ansehen! Auch mal wieder anschauenswert die Vater-Sohn-Geschichte in „Der letzte Mohikaner“ mit Daniel Day Lewis in der Hauptrolle (schluchz, immer wieder ergreifend die Szene mit Unkas, dem Sohn des letzten Mohikaners) – und natürlich „Jenseits von Eden“ mit James Dean.
Also dann, nehmen wir Väter unsere Söhne mal wieder in den Arm, sehen ihnen in die Augen und erkennen uns selbst darin. Lasst uns die Kraft spüren, die uns verbindet, und lasst uns als Väter und Söhne über die Galaxis herrschen – halt, ich glaub‘, das ist aus einer anderen Geschichte …

Bleibt gesund und schaut mal wieder rein,
Euer Mathias, M+M Videothek