Le Docteur OX

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Selbe Epoche, selbes Land, selbe Stadt, selbe Gesellschaft. Kein Wunder also, dass sich der „Vater“ der Operette, Jacques Offenbach (1819 – 1880) und der „Vater“ der Science-Fiction, Jules Verne (1828 – 1905) begegnet sind. Neben der Freiheit und dem Meer war für Jules Verne die Musik das Liebste in der Welt. Also auch kein Wunder, dass sich nicht nur ihre Wege sondern auch die Interessen kreuzten und ihr Werk sich wechselseitig beeinflusste.

Vernes Thema war die globalisierende Welt und seine Vision der Zukunft geprägt durch die Industrialisierung und Kolonialisierung im 19. Jahrhundert. Er hat keines Wegs Bücher voller Zukunftsgewissheit geschrieben, war nicht von der Lösung aller Probleme durch die Wissenschaft überzeugt. Sondern er wies auf missbräuchliche Wissenschaftsanwendung hin. Offenbach war nicht nur der aufgedrehte Komponist des Can-Can, der bedeutungslose Operettenmusik geschrieben hat. Politische und soziale Satire durchziehen sein Werk. Er schuf hervorragendes Musiktheater, indem er gerade dieses parodierte.

Die wissenschaftliche Operette war ab ca. 1870 die aktuelle Geschmacksrichtung in Paris. Ideen der Wissenschaft und Astronomie standen im Mittelpunkt des Geschehens, immer wurde nach neuen Motiven, Dekorationen und publikumswirksamen Neuerungen gesucht. 1865/69 erschienen Vernes Mondromane und 1872, 74 Le Docteur Ox. Beides „Futter“ für Offenbach. So fand 1875 die Premiere von „Die Reise zum Mond“ statt. Hier fungierte Vernes Roman nur als Themen – und Ideengeber. Bei Verne gab es gar keine Mondlandung, da sie ein Ding der Unmöglichkeit war. Man kam vielleicht auf den Mond, aber wie wieder herunter, ohne genügend Treibstoff für die Rückreise mitnehmen zu können – ein Problem, dass nicht ansatzweise gelöst war.

Die Operette „Le Docteur Ox“, die Premiere fand 1877 statt, war hingegen ein seltenes Beispiel gegenseitiger Inspiration und das Libretto entstand mit der ausdrücklichen Genehmigung Vernes. Jules Verne war ein Technikfreak, neue Technologien und Erfindungen fanden sofort Eingang in sein Werk und er entwickelte sie gedanklich weiter, indem er völlig neue Anwendungen erfunden hat. Seine technischen Phantasien fußten immer auf tatsächlichen Erfindungen und dem Wissensstand seiner Zeit, den er sich durch das Lesen tausender Fachzeitschriften und – magazinen und durch Gespräche mit Fachleuten erworben hatte.

Er selber war aber kein Erfinder und gab neue technische Lösungen und Ideen nie als seine aus. In „Le Docteur Ox“ will ein skrupelloser Wissenschaftler zusammen mit seinem Assistenten Ygen in einem großen Experiment die friedlichen Bewohner der Stadt Quiquendone manipulieren. Dazu installiert er, unter dem Vorwand Fortschritt, „Erleuchtung“ zu bringen – natürlich zum Nulltarif für die Stadtregierung, ein Beleuchtungssystem. Das ausströmende, vollständig geschmack- und geruchlose Oxygen verändert die friedlichen und zufriedenen Bürger. Alles wird schneller.

Sie drängeln, streiten ohne geringsten Anlass und erklären wegen einer falsch grasenden Kuh ihrer Nachbarstadt den Krieg. Erst eine große Explosion beendet den Spuk. Auch hier stand eine reale Erfindung Pate. „Die Ingenieure Tessié du Motay und Maréchal experimentierten mit Sauerstoffgas und führten Anfang 1868 auf dem Platz vor dem Pariser Rathaus eine öffentliche Demonstration ihrer Entwicklung vor, die beiläufig aufgenommen wurde; die allgemeine Verbreitung ihres Systems aber scheiterte aus Kostengründen.“

Ab 1. November wird Jules Vernes Geschichte im Schlossplatztheater neu erzählt. Natürlich mit der Musik von Jacques Offenbach. In einer temporeichen Szenenfolge inszeniert Regisseur Gerald Gluth-Goldmann in aberwitziger Weise die Folgen unbändiger Fortschrittsgläubigkeit.


Premiere von ‘Der geheimnisvolle Dr. Ox’ im Schloßplatztheater im Veranstaltungskalender, weitere Einzelheiten auf www.schlossplatztheater.de


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