Premiere in der Jungen Oper Berlin

Denkt man an zeitgenössisches, innovatives Musiktheater, wird wohl den wenigsten in diesem Zusammenhang etwas zu Köpenick einfallen. Geradezu abwegig scheint der Gedanke, dabei findet man selbiges hier unmittelbar vor der Tür.

Wie schafft man es, in bester Ortslage, direkt neben dem Rathaus, Tür an Tür mit dem Hauptmann, eingesponnen in ein Netz des öffentlichen Nahverkehrs, das direkt vor der Tür aussteigen lässt, fast 20 Jahre lang ein Geheimtipp zu bleiben? So geheim, dass zuletzt der Staatssekretär des Landes Berlin den Köpenicker Entscheidungsträgern bei einer öffentlichen Veranstaltung diese Kostbarkeit einmal wieder ins Bewusstsein zurückrufen musste?! „Hallo“, rief der Herr Staatssekretär: „Ich bin ein froher Botschafter.“ Kann sowas ein Geheimtipp sein? Ein Geheimtipp für all jene kultur- und bildungsbeflissenen Köpenicker Ureinwohner und Hinzugezogenen, die – um ihre Batterien mit kulturellen Inspirationen aufzuladen – „in die Stadt fahren“, ahnungslos, was sie in ihrer eigenen Altstadt geboten bekommen, wenn sie nur die Treppen in das Schlossplatztheater hochsteigen würden. Hier wird seit dessen Gründung Neues ausprobiert, Altes verworfen, experimentiert und an den Möglichkeiten eines anspruchsvollen zeitgemäßen Musiktheaters laboriert, mit den Gegebenheiten, die der kleine feine Raum in seiner Begrenztheit bietet. Ein Raum für Phantasie. Dass das, was in diesem Raum entsteht, auch außerhalb desselben funktioniert, war unlängst bei der „Langen Nacht der Museen“ zu erleben, als die Fassade des Stadtschlosses zur Projektionsfläche für einen preußischen Alptraum wurde: „Katte“. Ein beeindruckendes Event, das einmal mehr verdeutlichte, dass sich die Produktionen der „Jungen Oper Berlin“ nicht verstecken müssen, sondern sich mit den aktuellen Tendenzen zeitgenössischen Musiktheaters durchaus messen können.

Natürlich entstand und entsteht dies alles nicht aus dem Nichts, sondern erwächst aus einem langjährigen Prozess. Den Anfang nahm alles mit Kindertheater, Bearbeitungen von Mozart, Humperdinck oder Offenbach. Mit dem Herauswachsen der Opern aus den Kinderschuhen wuchs auch der Anspruch des Teams um Birgit Grimm, den eingeschlagenen Weg weiterzuführen. Aus der Erfahrung mit den Bearbeitungen vorhandener Opern erwuchs der Wunsch zu eigenen Kammeropern. Ein riskanter Weg. Kein Namengeklingel. Die Komponisten hießen plötzlich Oehring oder Frauendorf. Doch jetzt sind die großen Namen wieder zurück. Nietzsche, Wagner, Cosima. Mehr geht eigentlich nicht für jeden, der sich auch nur marginal für Musiktheater interessiert. „Die Geburt der Tragödie“ findet im Schlossplatztheater statt. Die örtliche Feuerwehr hat eigens ihren Signalton auf Siegfrieds Horn umgestellt und das Wagalaweia der Dahme lockt nun die Rheintöchter an die Spree. Alles eine Kopfgeburt? Ja! „Macht doch mal wieder was Lustiges“, war unlängst der Wunsch einer langjährigen Freundin des Hauses, als sie erfuhr, dass das Theater diesmal zu dem wird, was es schon lange ist: ein Forschungslabor. Mit Nietzsche dringt das Theater tief ins Hirn unserer transzendentalen Obdachlosigkeit. Das klingt nicht lustig? Der französische Philosoph Deleuze schrieb einmal: „Wer Nietzsche liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und manchmal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Nietzsche nicht läse.“ Nun wird Nietzsche sogar gesungen: Heiha! Heihahoho! Die Umwertung aller Werte aus dem Geist der Musik. Aus dem Koma erwacht, stürzt sich die Wissenschaft auf das Überhirn des Denkers, um es zu materialisieren. Eine Sternstunde für Transhumanisten: Alles was möglich ist, soll auch realisiert werden. Die totale Optimierung. Echtes Leben basiert auf Silizium. Das ist kein Witz. Das ist nicht lustig? Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man bekanntlich singen. Jetzt hat das hiesige Publikum die Gelegenheit, das eigene Hirn unter Wagnerklängen mit Nietzsche zu verdrahten, bevor Köpenick zurückfällt in das Koma einer verschlafenen Berliner Vorstadtgemeinde. Aber psst – das hier ist nur ein Geheimtipp.

Premiere Freitag, den 16.11. um 20:00 Uhr
Ecce Homo – Herr N. erwacht aus dem Koma
Junge Oper im Schloßplatztheater
Alt-Köpenick 31
12555 Berlin
T. 030 6516516
www.schlossplatztheater.de