Manchmal ist man eine alberne Wurst

Die Liedermacherin Emma Greenfield über ihre Leidenschaft zur Musik, schlechte Musicals und ihr eigenes Kinderprogramm
Mit fünf Jahren stand die kleine Emma mit hoch gezogenen Kniestrümpfen und langen Zöpfen bereits unerschrocken auf einer Bühne. Mitten im grünen Mittelengland. Mit sieben begann Emma Greenfield Kornett , eine Art Trompete, zu spielen. Später lernte sie noch Gitarre und nahm Gesangsunterricht. Vor 13 Jahren kam die Musikerin nach Berlin. Musikalische Werkzeuge und Lebenserfahrungen hat sie in ihrem Koffer von der Insel mitgebracht. Seit fünf Jahren lebt sie nun mit ihrer Familie in Friedrichshagen. Im Juni war Premiere ihres ersten Programmes für Kinder „Monkey and me“ im Potsdamer Waschhaus. Uns erzählt sie, wie es dazu kam.
Emma Greenfield
Foto: Björn Hofmann
Es fliegen Papierkraniche durch die Luft, ein zähnefletschendes Krokodil liegt im Wasser, Tränen hängen an Tränengirlanden, riesige Margeriten blühen auf und dazwischen paddeln Emma Greenfield und ein Affe in einem Boot durch stürmische Lebenswellen. Alles in diesen Videos erinnert an einen Mix aus Mary Poppins, Alice im Wunderland und die Sendung mit der Maus. Traumwelten, um große und kleine Kinder aufzuwecken, Menschen zu verbinden mit Musik. Mit Emmas Musik. Emma Greenfield wächst in einem kleinen 500-Seelen-Dorf namens Wray in der Nähe von Lancaster auf. Ihre Mutter ist die Musiklehrerin der Dorfschule. In dieser Schule lernen etwa 40 Kinder. „Wir waren wenige Kinder, doch ein sehr lebendiges Dorf mit einer Dorfkirche, in der wir Musicals aufführten, und einer Gemeindehalle. Es gibt jedes Jahr ein großes Maifest auf der grünen Wiese, Scheunentanz (Barn Dancing) und einen Vogelscheuchen-Wettbewerb. Es war super experimentell. Auch zum „Fell running“, einem Berg- oder eher Hügelrennen, kamen die Leute von überall her aus England.“ Es ist Teil der Kultur auf der grünen Insel, in Grundschulen Musicals zu veranstalten, dreimal im Jahr: im Frühling, Sommer, Weihnachten. „Ich sang oft das Solo und ich liebte es.“ Die Bühne ist für Emma ein wunderbarer Ort, fast ein Zuhause. Es gibt einen klaren Rahmen, in dem sie sich austoben darf, die Bühne ist Teil ihrer Kindheit. „Weil ich so früh begann, hatte ich nie Hemmungen und ich bekam ein gutes Feedback.“ Das stärkt ihr Selbstbewusstsein enorm und sie weiß bald, dass sie Musik machen will für Menschen. „Wir haben in der Schule ständig neue Bands gegründet. Die ersten Auftritte hatten wir im Rollschuh-Musical.“
„Die Musicals waren schlecht und ganz lang.“
„Und es hat uns total aufgeregt, wenn unsere Eltern unaufmerksam waren, weil wir so viel dafür geackert haben.“

Verliebt in Berlin

Deutsch lernt die Britin beim Germanistikstudium in Leeds vor 20 Jahren, ein Praxis-Jahr davon verbringt sie in Berlin. „Es musste ein deutschsprachiges Land sein und ich habe mich verliebt in Berlin, hatte die tolle Bandszene gesehen.“ Die Atmosphäre habe sie sehr inspiriert. „Die Stadt wirkte so frei auf mich und dies spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, ich kann machen, was ich will und niemand schaut mich dafür komisch an.“ Während ihres Studiums macht sie weiter mit Musik, hat Bands, übt das Zusammensingen innerhalb ihrer Band und mit Publikum. Emma lernt, mit verschiedenen Menschen zu arbeiten und mit Instrumenten wie Gitarre, Percussion, Kornett , Geige, Bass. Sie lernt, zu führen, und gleichzeitig, sich unterzuordnen. Es folgen Tourneen mit Wallis Bird oder Dear Reader aus Südafrika durch Irland, Frankreich, Österreich, Italien, Deutschland. Plötzlich kamen große Bühnen und Festivals und mehr Professionalität.   Auch in Berlin ist Emma Greenfield sehr aktiv. Sie spielt u. a. in der Band Tralalka und geht mit dieser osteuropäischen Folkmusik zum Rudolstadt Folkfestival, einem der größten Festivals seiner Art. Gleichzeitig beginnt sie mit Englischunterricht in Berliner Kitas. Eine Kita-Chefin aus Wilmersdorf fragt, ob sie auch Musikunterricht gebe. „Ich hatte mir das nicht zugetraut, weil ich ja keine Musikpädagogin bin. Doch man schenkte mir Vertrauen und ich habe schnell bemerkt, dass ich genug Erfahrungen mit Kindern und Musik habe. Das war ein Schlüsselmoment für mich.“ Ein gravierender Lebenseinschnitt ist die Geburt ihrer beiden Töchter für die heute 36-Jährige. Mutter zu werden und erst einmal zu verlieren, was bis dahin ihr Leben bestimmt hat, sei eine harte Erfahrung gewesen. „Als Mutter habe ich zwar entschieden, dass ich nicht mehr auf Tour gehen möchte, dass ich mich erden möchte mit meiner Familie und dennoch fühlte ich mich auch eingeschränkt und frustriert. Da ging die Kurve meines Selbstwertgefühls erst einmal nach unten.“ Doch irgendwann stellt sie sich die Frage wie so viele Frauen: Wie kann ich meine Leidenschaft und meinen Beruf neben meiner neuen Rolle als Mutter neu, anders aufleben lassen?

Emma Greenfield – Monkey and Me

Denn ihr Feuer für die Musik soll nicht flöten gehen und so bringt sie ein eigenes Programm auf die Bühne. Mit einem Affen. „Emma Greenfield-Monkey and me“ heißt das bilinguale Mitmachprogramm für die Jüngsten. Emma und der Affe, alias Schauspielerin Yolanda Bortz, performen gemeinsam bekannte Lieder auf Englisch, für die Kleinsten. Durch Sprache, Mimik, Gestik, folkloristische Einflüsse von der Insel, fantasievolle Bilderwelten, mit viel Lust, Laune und Herz will Emma Greenfield ihr Publikum berühren und sogar bewegen. In Zukunft auch mit ihren positiven Botschaften. Das ist sehr anspruchsvoll und herausfordernd:
„30 Prozent meiner Arbeit besteht aus Technik, doch der größte Teil ist Gefühl“
„Sich zu verbinden und sich gemeinsam zu entspannen. Ich habe zehn Jahre mit Kindern gearbeitet und meine eigenen Musikkurse und Konzepte entwickelt. Dabei habe ich gemerkt, welche unglaublichen Auswirkungen Musik auf kleine Kinder-Ohren und -Köpfe hat, wie schüchterne Kinder langsam ihr Selbstbewusstsein aufbauen, wie Musik Kinder in ihrer emotionalen und persönlichen Entwicklung unterstützen, wie man die Welt entdecken und spielerisch durch Musik lernen kann, weil es viel Spaß macht, und wenn Lernen Spaß macht, fließt es.“ Die zweifache Mutter und Musikerin hat ein großes Ziel: „Ich möchte kommunikative Werkzeuge entwickeln, damit unsere Kinder in dieser Welt besser klar kommen, sich emotional gut entwickeln können. Ich baue einen neuen „Raum“ auf und er hat Platz für alle Gefühle: Wut, Trauer, Enttäuschung, Freude, Mitgefühl. Alle Gefühle sind normal und wichtig und müssen raus. Das mache ich auch in meinem Programm „Everyone`s a silly sausage sometimes sometimes.
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