Das Land Berlin veranstaltet derzeit eine Imagekampagne „Be Berlin“ für schlappe 10,9 Mio EUR mit dem Ziel Berlin-Botschafter zu gewinnen. Anfang März wird bekannt, dass das Dach des kürzlich für 242 Mio EUR umgebauten Berliner Olympiastadions saniert werden muss, weil es von Krähen „aufgefressen“ wird. Aber die zu erwartenden Kosten werden keine Angaben gemacht. Am Spreedreieck werden Millionen verschoben, um eine dilettantische Bauplanung zu kaschieren.

Just in dieser bewegten Zeit scheitern die Verhandlungen zwischen dem Senat und dem 1. FC Union zur Übertragung des maroden Stadions „An der Alten Försterei“. Was war geschehen ?

Das Stadion, eingeweiht am 7.August 1920 mit einem Spiel des Berliner Meisters Union Oberschöneweide gegen den Deutschen Meister 1.FC Nürnberg, kommt so langsam in die Jahre. Seit der Wende werden kaum noch
die nötigsten Reparaturen gemacht. Bislang erteilte der Deutsche Fußballbund noch Sondergenehmigungen in Erwartung kommender Sanierungsmassnahmen durch den Eigentümer. Schlauerweise hat der Senat inzwischen das ungeliebte Stück Land dem dem Bezirk (Treptow-)Köpenick übertragen.

Im November 2004 beantragt der 1. FC Union beim Bezirk die Sanierung der Stehplatztribünen. Der Antrag wird abgelehnt. Stattdessen wird dem Verein angeboten, das Stadiongelände für einen symbolischen Euro zu kaufen. Auf dieser Basis plant der Verein einen Stadionneubau für 17,2 Mio (nur 7% der Kosten des Olympiastadions !), finanziert durch private Sponsoren. Nachdem im Mai 2007 ein unterschriftsreifer Vertrag zum Grundstückskauf vorliegt, stellt der Senat plötzlich fest, dass eine EU-Genehmigung erforderlich sei. Ein halbes Jahr später heißt es, dass die EU den 1-Euro-Deal ablehnt. Mehrere Parlamentarier bezweifeln das, da bisher niemand ein entsprechendes Schreiben der EU gesehen hat. Im Februar 2008 schließlich bekommt der 1.FC Union ein Angebot zum Kauf des Stadiongeländes zum fiktiven Verkehrswert von 1,89 Mio Euro. Da Berlin inzwischen auch eine Kostenbeteiligung von ca. 3 Mio für die Grundsanierung der „Alten Försterei“ ablehnt, ist das Stadionprojekt für den kleinen Verein im Südosten der Stadt nicht mehr finanzierbar.

Sportlich könnte es für den 1.FC Union nicht besser laufen. Die Qualifikation zur neuen 3. Fußball-Profiliga gilt als sicher, es gibt sogar gute Chancen, im nächsten Jahr zweitklassig zu spielen. Der Haken: Der DFB, die Nase voll von leeren Versprechungen, fordert einen verbindlichen Sanierungsplan für die Stehplatzränge sowie für die 2.Bundesliga den Einbau einer Rasenheizung. Ansonsten droht die Verweigerung der Lizenz für alle Profiligen. Derart mit dem Rücken an die Wand gepresst und von der Politik im Stich gelassen, hatte der Verein keine andere Wahl. Am 3.März 2008 erklärt Union das Scheitern der Verkaufsverhandlungen und fordert als Mieter nun vom Eigentümer, das Stadion in einen bespielbaren Zustand zu versetzen.

Es folgen 10 Tage Säbelgerassel, vor allem vom Innensenator. Am 13. März, einen Tag vor Gesprächen, in denen die Beteiligten nach Lösungsmöglichkeiten suchen sollen, setzt Ehrhart Körting öffentlich zur Blutgrätsche gegen den 1.FC Union an. Unter Verdrehung der Fakten teilt er mit, dass das Land Berlin kein zweites
Olympiastadion für 20 Millionen bauen werde, wenn der Klub aufsteigt. Union solle doch in den Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark umziehen.

Ausgerechnet in den „Jahntierzoo“, wie die Leichtathletik-Schüssel im Prenzlauer Berg von den Unionfans „liebevoll“ genannt wird … Auf so eine blöde Idee wäre man nicht einmal vor 1989 gekommen. In der
Mielke-Residenz, die von 1971 bis 1992 die Heimstätte des DDR-Serienmeisters BFC Dynamo war … Undenkbar. Der Verdacht drängt sich auf, dass mit einem Umzug des 1.FC Union in den Jahnsportpark nur eine weitere Berliner Fehlinvestition versteckt werden soll. Zumal auch hier Investitionen nötig wären (Rasenheizung).

Jeder, der sich etwas mit diesem Thema beschäftigt weiß, dass Fußball von Emotionen lebt, von Identifikation. Umso mehr, wenn es mehrere Vereine in einer Stadt gibt. Niemand würde auf die Idee kommen, die Glasgow Rangers in den Celtic Park oder den FC St. Pauli in das HSV-Stadion zu verpflanzen. Niemand ? Vielleicht mit einer Ausnahme, der Wildmoser-Clan, der den TSV 1860 München seiner Heimat beraubt hat. Wo das hingeführt hat, ist hinlänglich bekannt.

Doch wer denkt, dass sich die Unionfans so leicht geschlagen geben, verschätzt sich gewaltig. Kreativ und widerspenstig sind sie bereit, das letzte bedeutende reine Fußballstadion Berlins zu verteidigen. Sie betrachten die „Alte Försterei“ als ihr „Volkseigentum“ im besten Sinne des Wortes, denn sie haben in den 80-gern mit eigenen Händen die Stehplatztribünen aufgeschüttet, und stehen auch jetzt bereit anzupacken. In den ersten 2 März-Wochen sind 120 neue Mitglieder in den Verein eingetreten. Der 1. FC Union Berlin hat mit ca. 4600 Mitgliedern mehr als z.B. Bundesligist Hansa Rostock.

Moralische Unterstützung kommt von Fußballfans aus ganz Deutschland. So richten Fans vom Liga-Konkurrenten Eintracht Braunschweig einen flammenden Appel an die Berliner Politik, die „Alte Försterei“ als ein
Stück Deutscher Fußballgeschichte für zukünftige Generationen zu erhalten. Sogar Hertha-Manager Dieter Hoeneß hat sich vehement für den Erhalt des Union-Stadions wegen seiner Fußball-Atmosphäre ausgesprochen.
Klingt da vielleicht etwas Wehmut mit ? Schließlich musste die Hertha ihre Heimat die „Plumpe“ 1968 endgültig verlassen. Heute stehen dort Wohnhäuser.

Es ist erstaunlich, dass Union-Präsident Dirk Zingler am 14.3. der Senatsverwaltung, dem Bezirk und Fussballverband ein Bekenntnis zum Standort „Alte Försterei“ abringen konnte. Köpenick werde maximal 300.000 Euro investieren und Verhandlungen über eine längerfristige Nutzung durch den 1.FC Union aufnehmen mit dem Ziel, private Investitionen zu ermöglichen. Der Senat verschiebt damit die Verantwortung für das Stadion eines sich deutschlandweit präsentierenden Fußballvereins an den Bezirk, der bei seinen bescheidenen Finanzen hoffnungslos überfordert sein dürfte.

Zusagen aus der Politik hat es bisher viele gegeben, keine wurde eingehalten. Die Zeit drängt. Bis Ende April muss eine Lösung für den Erhalt des Stadions „An der Alten Försterei“ gefunden werden. Bleibt der Senat bei seiner ablehnenden Haltung, wäre das wohl das Ende eines traditionsreichen Berliner Fußballvereins. Die Haupstadt hätte einen Berlin-Botschafter weniger.

Zum Glück gibt es ja eine Kampagne: „Be Berlin“ …

Inhalte dieses Beitrages entsprechen dem Stand der Dinge vom 03. 04. 2008