makarenko_2

Zur Eröffnung des größten deutschen Kinderheims vor 60 Jahren

In der zweiten Oktoberwoche des Jahres 1953 zogen die ersten Kinder in das neu erbaute Kinderheim in der Berliner Königsheide ein. Und genau 60 Jahre später werden viele der ehemaligen Bewohner dieses Jubiläum bei einer großen Festveranstaltung gemeinsam feiern. Eingeladen hat der im Dezember 2008 gegründete Verein ehemaliger Königsheider Heimkinder, Erzieher und Lehrer: der Königsheider Eichhörnchen e.V. Sein Ziel ist es, die Geschichte der ehemals zweitgrößten Kinderstadt in Europa und seiner abertausenden ehemaligen Bewohner aufzuarbeiten und zu bewahren. „Dabei stehen neben der Darstellung der DDR-Heimwirklichkeit(en) und ihrer Folgen, besonders die Lebenswege seiner ehemaligen Bewohner im Vordergrund. Wir wollen ein Stück sensibler und spezieller DDR-Geschichte aus Sicht der Heimbewohner und des Heimpersonals aufarbeiten und Anlaufstelle sein für ehemalige Königsheider. Tausende Kinderseelen und Schicksale sind mit diesem Ort in der Königsheide bis heute verbunden. Es ist der Ort ihrer Kindheit“, sagt Sabrina Knüppel, die Vorstandsvorsitzende des Vereins.

Wer ihr zuhört, erfährt um Kriegs- und Mauerflüchtlingswaisen, die ihr erstes Zuhause hier fanden und wie die Erziehungseinrichtung schnell zum Vorzeigeheim der DDR avancierte, wo ab Mitte der 60er Jahre die Parole galt: „Idealheim in einem Idealstaat“. Dort sollte die vollendete sozialistische Persönlichkeit herangezogen werden, das „Produkt: Staatskind“. So lautet auch der Titel eines Dokumentarfilms aus dem Jahr 2010. Er zeigt, wie einst an der Umsetzung des pädagogischen Prestigeobjektes der jungen DDR gearbeitet wurde, erzählt von anfänglichem Idealismus und den Mühen der Ebene, die eine Generation junger Weltverbesserer durchmaß.

Und wer sich selbst umhört in der Königsheide, kann Erstaunliches vernehmen. Viel damalige Politprominenz soll freiwillig ihre Kinder zur sozialistischen Erziehung in das Kinderheim geschickt haben. Beispielsweise die Enkelkinder des damaligen Ministerpräsidenten der DDR, Otto G., die Enkeltochter des ZK-Mitglieds Hermann M. oder die Söhne des Schriftstellers Erwin S. Und für Kommunisten aus dem Westen soll es ein Ort gewesen sein, wo sie ihre Kinder während der Illegalität unterbringen konnten. Es wird von der kleinen Ingrid erzählt, die 1956 das Heim verließ, um Leistungssportlerin zu werden, eine Odyssee durch 16 weitere Heime erlebte, um anschließend zu ihrer alkoholkranken Mutter zurückzukehren. Später begann sie in einem Kindergarten zu arbeiten, in dem sie Wolf Biermann kennen lernte, dessen Sohn sie betreute. Jahre später wurde ihr das zum Verhängnis, geriet sie ins Visier der Stasi. Von der Erzieherin Inge wird gesprochen, die hier arbeitete, später Dramaturgin und Szenaristin bei der DEFA und auch die Frau des Schriftstellers Stefan Heym wurde. Und es wird erzählt von der Existenz einer im Untergrund agierenden „staatsfeindliche Gruppierung“, der „Kansed“, das hieß „Kommunistisch aber nicht SED“.

Und man hört erzählen von einer ehemaligen Heimleiterin, die sie hier „Mütterchen Stalin“ nannten. Geschichte oder Geschichten? Der historische Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen ist noch von keiner wissenschaftlichen Arbeit der Belastungsprobe unterzogen worden. Das Leben im Kinderheim in der Königsheide war in Vielem vielleicht ein Spiegelbild der damaligen DDR. Wer die kennen lernen mag, schaue auch hier hin. Bereits 1974 wurde die Königsheide zum Drehort. „Zöglinge“ heißt der Dokumentarfilm der Hochschule für Film und Fernsehen aus Potsdam- Babelsberg, der damals gedreht wird, in eindrucksvollen Bildern den Alltag des Kinderheimes zeigt. Der DDR-Zensur war dieses Bild vom Leben der Kinder aber nicht genehm, der Film zur Vernichtung bestimmt – er wird später, in den Nachwendejahren, wieder geborgen.

Das Leben in der Königsheide war „für manche der Ort einer glücklichen Kindheit – für andere nur die Erinnerung an ein Zuhause mit Schmerz“. Für die meisten dort lebenden Kinder war es nicht weniger als ein normales Leben – mit Freude und Traurigkeit, mit Spielen und Lernen, mit erfüllten und unerfüllten Träumen und Hoffnungen. Den meisten Erziehern, Lehrern, Küchenfrauen und Hausmeistern danken es die ehemaligen Heimkinder, im Kinderheim in der Königsheide ein gutes Zuhause gefunden zu haben. Sicherlich lag es auch an der Aufnahme der Kinder in der Welt außerhalb der Tore ihres Heim, die dazu führte, das nicht alle mit den Umständen eines selbständigen Lebens zu recht kamen. Wer um die Geschichten der Suizidfälle ehemaliger Heimkinder erfährt, ist betroffen, wer den ehemaligen Heimkindern zuhört, die erst lange nach der Wende ihre leiblichen Eltern und Angehörigen gefunden haben, wird nachdenklich. Und noch immer gibt es Kinder und Eltern, die verzweifelt auf der Suche nach ihren Familien sind. Berührende Schicksale, beinahe vergessene Geschichte.

Das Kinderheim in der Königsheide wurde 1998 vom Berliner Senat geschlossen; das Areal, die Wohnhäuser, die Schule und die Turnhalle sind gut erhalten. Nun soll neues Leben hier einziehen. Ein Würzburger Investor will dort Wohnungen errichten. Und der Blick über das Tor mit den Eichhörnchen lässt erkennen, dass die Anlage des ehemaligen Heimkombinats A.S. Makarenko en gros erhalten geblieben ist. Mit 50 Millionen Euro will die Würzburger Hilpert-Gruppe am Rand der Königsheide investieren. Entstehen sollen 300 Wohnungen, zwischen 50 und 120 Quadratmetern groß, in den denkmalgeschützten Häusern, dazu etwa 25 neue Reihenhäuser. Der Kaufpreis soll bis zu 4000 Euro pro Quadratmeter betragen, die Mieten irgendwo zwischen sieben und neun Euro pro Quadratmeter kosten. Ein guter Preis, denn „es ist traumhaft schön hier“, findet Wilhelm Hilpert, Chef der Würzburger Investorengruppe, mit Blick auf das parkartige Areal mit seinen alten Bäumen und den schönen Gebäuden.

Mit den Bauarbeiten soll nach Abschluß des Plan- B Verfahrens begonnen werden. Dann wird auch der Königsheider Eichhörnchen e.V. zugegen sein. Der historische Ort wird zwangsläufig einen neuen Charakter bekommen – und doch soll er sein geschichtliches Gesicht nicht ganz verlieren: Ein Dokumentationszentrum wird geplant. Hier sollen ehemalige Heimkinder einen Ort der Begegnung finden und Wissenschaftler die Geschichte der DDR-Kinderheime erforschen können. Und schließlich ist und bleibt der Ort eben auch ein Teil jener Geschichte, die viele Hundert Kinder in sich tragen, die hier einmal zuhause waren.


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“