Zum Abschluss unserer Beitragsreihe im Rahmen des Wagnerjahres 2013, beleuchtet Zeitreisen-Autor Marcel Piethe ein wenig bekanntes und bislang kaum erforschtes Kapitel aus dem Leben und Schaffen des Meisters Richard Wagner ist 24 Jahre alt und Bankrotteur. Der vormalige Musikdirektor aus Königsberg muss sich vor seinen Gläubigern in Sicherheit bringen. Im August 1837 trifft er in Riga ein. Riga ist seinerzeit die Hauptstadt des russischen Gouvernements Livland und Wagners erste Begegnung mit dem russischen Publikum. Wohlwollend aufgenommen kann Wagner seiner Arbeit am städtischen Deutschen Theater (sic!) nachgehen. Text und Beginn der Partitur seiner ersten wirklich erfolgreichen Oper, des „Rienzi“, entstehen in Riga. Wagner lernt in Riga Wilhelm Hauffs Märchen vom Gespensterschiff kennen. Anschauungsunterricht für seinen Holländer-Stoff nahm er wenig später selbst, als er, wieder einmal überschuldet, gemeinsam mit seiner Frau Minna im Sommer 1839 mit dem Schiff nach London und von dort weiter nach Paris floh. Die stürmische Überfahrt soll ihm die Inspiration für den „Fliegenden Holländer“ gebracht haben.

Stürmisch waren auch die Zeiten und es galt das Philosophenwort: Nur wer Kraft hat zu zerstören, kann auch Neues schaffen. Zwei, die mit den Zeiten nicht nur Schritt zu halten gedachten, zwei die selbst die Zeiten antreiben wollten, saßen 1849 beisammen: Im Garten seines Hauses trafen sich der Dresdner Kapellmeister Wagner und der russische Revoluzzer Michail Bakunin und laborierten mit Gedanken die Revolution. Die alte Welt wollten sie in Asche legen – der eine, um die bessere Gesellschaft zu erzwingen, der andere, um mit seinen Opern eine neue musikalische Welt zu schaffen.

Wagner und Bakunin, bald steckbrieflich gesucht, flohen aus Dresden – und ihre Wege trennten sich. Den Wagner führte einer seiner Wege im Jahr 1863 wieder nach Russland. Da war das revolutionäre Fieber in Deutschland erloschen und Richard Wagner eine der schillerndsten wie umstrittensten Figuren am Firmament der Kunst. Doch wie immer knapp bei Kasse, lockten den Meister nicht zuletzt die 2000 Rubel Honorar, die Reise nach St. Petersburg anzutreten. Im Februar machte er sich auf den Weg ins winterliche Russland. Was Wagner dort erlebte, übertraf alle seine Erwartungen. Als Dirigent der Petersburger Philharmonischen Gesellschaft sollte er drei Konzerte leiten. Neben Symphonien von Beethoven standen vor allem seine eigenen Werke auf dem Programm: Szenen aus „Tannhäuser“ und „Der fliegende Holländer“, aus „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“. Das „Vorspiel“ und der „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ feiern in Petersburg ihre Premiere. Das Publikum tobt. Man lädt Wagner ein, weitere Konzerte in Moskau zu geben.

Wagner elektrisiert in Moskau gleichermaßen Künstler und Publikum. Wider die damalige Arbeitsweise der Dirigenten wendet der Maestro sich dem Orchester während seines Dirigates zu, stellt den Rücken zum Publikum. Was das zu hören bekommt, fasziniert vom ersten Takt an. Als Wagner beim zweiten Konzert den Saal betritt, intoniert das Orchester einen Tusch. Als das Konzert mit seinen eigenen Werken beendet ist, setzt man ihm einen Lorbeerkranz aufs Haupt. Ein drittes Konzert folgt, weitere muss er den Moskauern ablehnen, denn man erwartet ihn zurück in Petersburg. Dort dirigiert Wagner erneut drei Konzerte. Die Romanows, die Familie der russischen Zaren, zeigen ihm offen ihre Gunst. Die Russen schenkten Wagner, was ihm die Deutschen noch verwehrten: Aufmerksamkeit und mehr: Zuneigung. Und welchen Lauf die Geschichte genommen hätte, wäre ein junger König namens Ludwig nicht alsbald in das Leben Richard Wagners getreten – man könnte trefflich spekulieren.

So aber wurde Richard Wagner nicht zum Nationalhelden im fernen Russland. Und doch war es ihm und vor allem seinem Werk beschieden, einen ganz besonderen Platz in der russischen Geschichte einzunehmen. Für russische Intellektuelle wurde Wagner zum Glaubensbekenntnis: Seine Musik inspirierte Alexander Borodin ebenso wie Modest Mossorgskij und Nikolai Rimski-Korsakow. Traditi-onalisten lehnten ihn entschieden ab, fürchteten den Verlust russischer Traditionen in der Musik. Und Lew Tolstoi lästerte Wagners Opern als „dummes Kasperletheater“, während Fjodor Dostojewski Wagners Musik für den „langweiligsten deutschen Schund“ befand.

Wagner-Verehrung und Wagner-Ablehnung gingen in Russland quer durch Gesellschaftsformationen und Kunstrichtungen. Wassili Kandinsky ließ sich von Wagners „Lohengrin“ zu seiner Farbenlehre inspirieren. Der Dichter Alexander Blok sah in Wagners Siegfried den „Revolutionär der Zukunft“. Und wer genau liest, wird Spuren des musikalischen Magiers aus Deutschland auch in Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ finden. Wagner wurde zu einer ästhetischen Leitfigur des vorrevolutionären Russlands am Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit machten Wagner Opern ein Viertel des Repertoires auf russischen Opernbühnen aus. Kein Mozart, kein Verdi stand seinerzeit je so oft auf den Spielplänen. Und Zar Nikolaus II. ließ 1913 in der Eremitage im Petersburg eine Privataufführung des „Parsifal“ veranstalten.

Im Blutrausch der bolschewistischen Weltverbesserungsorgie gingen der Zar und die Romanows unter. Nicht viel blieb von der alten Welt. Wagner blieb! Lenin soll sich im Zusammenhang mit einer Theaterrevolution zustimmend zu Wagner geäußert haben – der Meister integriert in das Arsenal des Revolutionsrealismus, der „Ring“ als „Das Kapital“ der Opernliteratur. Im Juli 1920 wird in Anwesenheit von Lenin und Gorki das Denkmal für die Opfer der Februarrevolution in Petrograd eingeweiht. Es spielen 500 Musiker den „Trauermarsch“ aus der Götterdämmerung. Und als Lenin 1924 zu Grabe getragen wird, erklingt in Moskau wieder Wagners Totengesang. Wagner war in Sowjet-Russland allenthalben. In Leningrad gründete sich eine Gesellschaft der Wagnerkunst. Mittels mobiler Aufführungen in halbszenischer, reduzierter Form sollten die werktätigen Massen erreicht und mit der Musik Wagners vertraut gemacht werden.

Als Stalin und Hitler im Jahr 1939  ihren Pakt schlossen, erhielt einer, der Sohn eines getauften deutschen Juden war, in seiner Funktion als revolutionärer sowjetischer Künstler von Weltrang den Staatsauftrag, sich des Wagner’schen Werkes anzunehmen: Sergej Eisenstein sollte die „Walküre“ inszenieren, das tonale Spektakel des Weltenuntergangs. Am 21. November 1940 hob sich im Bolschoi-Theater der Vorhang. Eine „synthetische Verschmelzung von Emotion, Musik, Wirklichkeit, Licht und Farbe“ hatte Eisenstein gezaubert.

Am 22. Juni 1941 endete der Zauber. Unter dem Klang der Waffen deutscher Wehrmachtssoldaten verstummte die Musik Richard Wagners in Russland. Und bis zum Ende der Sowjetunion sollte in den Tausenden Kulturhäusern und Opernbühnen des Landes ganze drei Mal eine Oper Richard Wagners aufgeführt werden.

2013, im Jahr seines 200sten Geburtstages wird in St. Peterburg  wieder Wagner gespielt. Am Pult steht Valery Gergiev und das Mariinsky Orchesters intoniert den „Ring des Nibelungen“. „Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges und dem Ende des Kalten Krieges kann Wagner heute wieder helfen, eine Perspektive für die Zukunft zu finden“, sagt Gergiev. Und das gilt für Russen und Deutsche gleichermaßen – und am besten gemeinsam. Oder, wie es der Meister gesagt hat: „Kein einzelner kann glücklich sein, ehe es nicht alle sind.“


Marcel Piethe

Ein Beitrag von Marcel Piethe

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“