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Es scheint zu den Grundqualitäten eines ordentlichen CDU-Politikers zu gehören, blühende Landschaften zu sehen. Allein der Glaube soll ja Berge versetzen, und so verwundert es kaum, dass Stadtrat Vogel die Situation von Musikschule und Bibliotheken in der letzten Maulbeerblattausgabe so überaus positiv beschrieb.

Als unser Engagement für die Musikschule vor zweieinhalb Jahren begann, lag das Defizit bei 280.000€. Das war angeblich ein Finanzdesaster, und die Schließung der Köpenicker Zweigstelle wurde als alternativlos kommuniziert. Am Runden Tisch kam dann der überraschende Vorschlag des Bezirksamtes, die Freiheit 15 zur Musikschule umzubauen, obwohl die Betriebskosten der Freiheit 15 ca. 60% über denen des Standortes Friedrichshagener Straße liegen (Umbau und Sanierungskosten exklusive). Die Freiheit ist ein wunderbarer Ort für die Musik, allerdings ohne dauerhafte Zuschüsse nicht zu finanzieren. Der Finanzstatus der Musikschule Treptow-Köpenick ist auch ohne die Freiheit 15 im Berlinvergleich ziemlich übel; wir betreiben die mit Abstand „unwirtschaftlichste“ Musikschule. Die Musikschule wird daher „zur Anregung wirtschaftlicheren Handelns“ seitens des Senates nicht vollständig ausfinanziert. Das Defizit trug bislang der Bezirk, indem er Überschüsse aus anderen Bereichen in den Kultursektor schob. In diesem Jahr beträgt das Defizit der Musikschule knapp 330.000€, im nächsten Jahr, soviel steht heute schon fest, wird es 353.000€ betragen und das der Bibliotheken knapp 704.000€. Dass der neue Stadtrat entgegen der Politik der Vorjahre beim letzten Kulturausschuss „kein Grund zur Panik“ verkündete, erstaunt doch einigermaßen.

Es kann angesichts der finanziellen Nöte im Kulturbereich nur ein sicheres Zeichen dafür sein, dass das Bezirksamt, der Bürgermeister und die BVV bereit sind, die stetig wachsenden großen Defizite auch weiterhin auszugleichen. Dieses klare Bekenntnis zu Musik, Bildung, Kultur und den Bibliotheken freut uns natürlich außerordentlich. Und es gibt auch noch einen weiteren Grund zur Freude. Nach langem Ringen hat der Senat für alle Berliner Musikschulen 2,5 Mio€ zusätzlich locker gemacht. Allerdings ist die Sonderzahlung zweckgebunden. Es sollen keine bezirklichen Finanzlöcher gestopft, sondern der Versorgungsgrad der Bevölkerung mit Musikschulunterricht angehoben werden. Da dieser in Treptow-Köpenick berlinweit am niedrigsten ist, gab es für uns den dicksten Brocken, nämlich 243.947€ für 2014 und dieselbe Summe noch einmal für 2015. Allerdings muss dieses Geld innerhalb dieser beiden Jahre sozusagen unters Volk. Was übrig bleibt, geht zurück.

Als Elternvertretung sind wir daran interessiert, die Treptow-Köpenicker möglichst schnell zu informieren, dass die Musikschule gaaanz viele Schüler aufnehmen kann. Die Musikschulführung konnten wir allerdings seit Anfang des Jahres nicht dafür begeistern, entsprechende Informationsmaßnahmen in die Wege zu leiten. Es ist schon verrückt: Viele Jahre war ein Platz an der Musikschule nur mit langen Wartezeiten zu ergattern, weil es an Geld für die Bezahlung der Lehrkräfte mangelte. Und nun gibt es richtig viel Geld, und die Leute wissen gar nichts davon. Die anderen Bezirke, wie z.B. Lichtenberg, haben mal gleich zusätzlich 10.000€ in kostenlosen Unterricht in Kitas gesteckt; eine weitsichtige Maßnahme, wie wir finden. In unserem Bezirk dagegen verschwinden Probleme einfach, weil man sie nicht anschaut. Und wo man kein Problem sieht, braucht man auch nicht zu handeln. Wenn der Stadtrat allen Widrigkeiten zum Trotz nicht so vor Optimismus strotzen würde, hätten wir wirklich Sorge, dass in zwei Jahren (also nach der temporären Senatsfinanzspritze) das Defizit alle bisherigen Rekorde bricht und nicht mehr durch innerbezirkliche Überschüsse ausgeglichen werden kann. Womit wir dann wohl wieder bei Gebäudeschließungen, Privatisierungen etc. angekommen wären. Niemand soll dann aber sagen, man hätte es nicht wissen oder mindestens ahnen können. Wir werden es genau beobachten.

Momentan wollen wir aber nicht zu den Leuten gehören, die „nur den Schwierigkeiten nachspüren wollen“, wie Herr Vogel so zwitscherte. Also noch einmal ganz kurz: Es gibt aktuell genügend Geld, um mindestens 300 neue Schüler mit Einzelunterricht zu versorgen. Und momentan gibt es dafür auch noch genügend Räume. Mit der Freiheit 15 in der Pipeline, der noch offenen Friedrichshagener Str. 8 und der Hans-Schmidt-Str. in Adlershof, die noch nicht zu 2/3 weggekürzt ist, könnte die Expansion der Musikschule und damit auch der Sprung nach vorn gelingen. Es wäre uns allen zu wünschen, dass Herr Vogel nach den schönen Worten nun auch mal mit Taten durchstartet. Wenn dann noch die Startbahn einen soliden Unterbau hätte … blühende Landschaften!

 

Claudia Zell ist Mitglied der Elternvertretung der Musikschule Treptow-Köpenick. Zusammen mit anderen Eltern machte sie sich 2012/13 gegen die Schließung des Standortes der Josef-Schmidt-Musikschule in der Friedrichshagener Straße stark. Am Runden Tisch trotzten Sie dem Bezirksamt die Aufgabe der ursprünglichen Dezentralisierungspläne ab. Diese hätten eine Zerschlagung der Musikschule bedeutet. Aufgrund des Engagements der Elternschaft wird zur Zeit das Gebäude der Freiheit 15 als neuer Standort saniert und musikschultauglich ausgebaut. Noch mehr informative Prosa zu diesem Thema finden Sie auf promsk.wordpress.com!