Maulbeere Dietrich

Sägen statt pflegen

Wer in den Senatsverwaltungen arbeitet, hat drei besonders wichtige Aufgaben: erstens Geld sparen, zweitens Geld sparen und drittens schließlich Geld sparen. Da wir das den Bürgern nicht direkt unter die Nase reiben sollen, reden wir meistens nicht darüber, nur in dringenden Fällen, und stellen stattdessen die angenehmen Seiten unserer Aufgaben und Projekte in den Vordergrund. Wir wollen ja niemanden belügen, aber eben auch niemanden beunruhigen. Einer der fundamentalen Grundsätze jeder Demokratie. Das Einmaleins des Verwaltungsapparats. Aber dass man sich deswegen gleich den übertriebensten Anfeindungen ausgesetzt sieht, geht dann doch wirklich zu weit. Vor allem, wenn man den Bürgern damit etwas Gutes tun will, aber dafür nur Undank erntet! Etwa bei der Stadtbaumkampagne, die schon seit vier Jahren läuft.

Da müssen wir zu Beginn einmal klarstellen, dass Berlin eine grüne Stadt ist. 440.000 Bäume stehen über alle Gebiete verteilt an den viel befahrenen Straßen. Nicht zu vergessen, die Bäume in den Anlagen, Parks und Höfen. Und sie alle haben eine Aufgabe: Sie reinigen die Luft von Schadstoffen, mindern den Treibhauseffekt, spenden Schatten, senken bei Hitze spürbar die Temperatur und bieten Windschutz. Mit einem Wort, sie heben die Lebensqualität. Mit der Stadtbaumkampagne nun wollen wir bis 2017 der Reihe nac in allen Bezirken weitere 10.000 Bäume anpflanzen. Natürlich um die Lebensqualität zu erhalten.

Da die Kassen leer sind, aber doch alle Bewohner der Stadt frische Luft haben wollen, hatten wir den genialen Einfall, sich das Ganze zu teilen: Pro Baum zahlen wir vom Land Berlin 700 Euro, die Bürger legen 500 Euro oben drauf und schon können wir ein kleines, junges starkes Bäumchen die kommenden drei Jahre pflegen. Ist das nicht großartig? Und was bekommt man da von Volkes Seite um die Ohren geschleudert? Stimmt ja gar nicht, heißt es da: Es soll nur Geld gespart werden. – So ein Unfug! Wollten wir richtig Geld sparen, würden die Bürger die Bäume ohne unser Zutun finanzieren (und auch gleich einbuddeln). Mal ehrlich – als ob man mit dem bisschen Holz Geld sparen könnte!

Wir können der Sache gerne auf den Grund gehen, greifen wir uns mal einen Bezirk heraus, und beweisen an seinem Beispiel, dass wir Bäume pflanzen, um die Lebensqualität zu sichern. Hier, Treptow-Köpenick! Die kommen bei der Stadtbaumkampagne im nächsten Herbst an die Reihe.150 kleine, junge, starke Bäume sind da vorgesehen. Wenn das kein Grund zur Freude ist! In Treptow-Köpenick hatten wir vor einem Jahr 43.400 Straßenbäume, und wie der Stadtrat Rainer Hölmer verrät, mit den Bäumen in den Parks sogar fast doppelt so viele. Und da, da hat er es auf eine Anfrage der Grünen aufgeschrieben: Im Jahre 2012 hat man zwar 779 Bäume gefällt, aber dafür 813 Neue gepflanzt.

Das bedeutet: mehr Bäume als vorher! Und 2013, ja okay, da war die Bilanz nicht so überzeugend, da sind 733 Bäume verschwunden und nur 231 Stück wieder neu hinzugekommen. Aber die Gründe sind in der ganzen Stadt die gleichen: Der Bestand ist zu alt, weil … wie? Wegen der Sparpolitik wurden keine Bäume nachgepflanzt? Dafür gab es kein Geld? Das ist doch lächerlich! Bäume wachsen immer und überall, seit Jahrtausenden! Aber hier, der Klimawandel! Befall von Schädlingen und Pilzen! Deswegen müssen die Bäume gefällt werden! Darum kreischt so oft die Säge! Aber was wird einem dann vorgehalten? Wir würden nach dem Motto handeln: Sägen statt pflegen! Aber die Kassen sind leer, das weiß doch jedes Kind.

Obwohl in den beiden Jahren 2012 und 2013 rund 20 Arbeiter den lieben langen Arbeitstag damit beschäftigt waren, Straßenbäume zu pflegen und es auf insgesamt 30.460 Stunden gebracht haben, kamen sie nicht hinterher. 20.000 Bäume müssten noch beschnitten werden. Alles zusammen würde 6,7 Millionen Euro pro Jahr kosten! Und diese morschen Bäume sollen wir stehen lassen? Und was ist, wenn einem kleinen Kind so ein Ast oder gar eine Kastanie auf den Kopf fällt? Wer haftet denn dafür, wenn die Verkehrssicherheit nicht gewährleistet ist? Und schließlich: Ließen wir die alten Bäume stehen, was würde dann aus unserer schönen Stadtbaumkampagne werden?

 

 


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"