gonzo2Dieser Mann schlägt kleine Kinder – und bringt ihnen danach das Konjungieren englischer Verben bei

Eigentlich hatte ich mir für den Artikel über Gonzo eine handvoll Notizen gemacht. Wir waren extra Whiskey trinken, damit ich ihn interwieven konnte. Tja, der Zettel ist verschwunden. Ob das ein Zeichen sein sollte, sei mal dahingestellt, Tatsache ist, nun werde ich mit diesem Umstand arbeiten und eine kleine Geschichte über den Mann erzählen, der mir einerseits rudimentäres Grundwissen über Kipphandhebel, Schlagabfolgen, Falltechniken und den entsprechenden Gesichtsausdruck bei sich anbahnender Konfrontation beigebracht hat, andererseits für mich persönlich das personifizierte Anti-Klischee eines ordinären Kampfsportlers darstellt. Gonzo B. – der wandelnde Anachronismus – eigentlich ein schöner Untertitel. Naja! Ich habe Gonzo vor knapp vier Jahren kennen gelernt. In der festen Überzeugung, ich müsste jetzt mal Karate, vielleicht auch Kickboxen trainieren, und um der prächtig gedeihenden Plauze Einhalt zu gebieten, stiefelte ich in die damaligen Räumlichkeiten des Trigoon-Dojo, hinterm Bahnhof Köpenick. Ausgiebige Google-Recherchen, vor allem aber die Empfehlung eines Freundes (der, oh Zufall, Gonzos Bruder ist), ließen mich hier aufschlagen.

Auf der Treppe nach oben, in „Die heiligen Hallen des großen Auas!“ stellte sich mir ein Mann im Judoanzug in den Weg: schwarzer Zopf, dunkle Augen, leicht gebeugte Haltung, dezentes Grinsen im Gesicht. „Hallo“, sagte ich, unsicher, ob er mir wehtun will. „Hallo“, sagte er, unsicher, ob er mir wehtun will. „Ich würd gern Karate machen. Oder vielleicht auch Kickboxen“, sagte ich. Er schaute mich an, von oben nach unten, das dezente Grinsen wurde ein wenig undezenter, dann schüttelt er den Kopf und meinte: „Nein, willst du nicht!“ Ich war mir plötzlich unsicher, ob ich ihm jetzt vielleicht wehtun wollte. Was’n das für einer? „Schau dich doch mal an!“, sagte er nur. Ich schaute mich mal an und sah einen wohlproportionierten Lypse. „Und?“, fragte ich. Ein Lachen, das ich in den nächsten Jahren sehr zu schätzen lernte, erschien. Es bedeutet: Keine Gefahr! Dann sprach er weiter: „Du bist nicht Karate oder Kickboxen – du bist Ringen, Judo oder Jiu Jitsu!“ „Bin ich das?“, fragte ich, denn das hatte mir noch nie jemand so direkt ins Gesicht gesagt. „Jau! – Und ich bin übrigens Gonzo!“ Gonzo? Selten hat ein Name besser zu jemandem gepasst und war gleichzeitig eine übertriebenere Verharmlosung des Trägers. Gonzo – da könnte man eine AK 47 auch „Mausi“ oder „Pupsi“ nennen. „Tach Gonzo, ich bin Lypse“, sagte ich und versuchte cool zu gucken. „Lypse?“ Wieder dieses Lachen. „Na dann komm mal rein, Lypse!“

Seitdem ist einiges an Zeit vergangen, ich hab viel gelernt, mir viel gebrochen und vor allem ein paar Menschen getroffen, die mein Leben wirklich nachhaltig bereichert haben: Kampfsportler! – Kleine, große, junge, alte, gute und bessere! Hinter allen, über allen, vor allem aber vor allen – auf der Matte nämlich – steht Gonzo, der wandelnde Anachronismus, ein Studierter, ein selbständiger Nachhilfelehrer, Mister (nicht nur verbaler) Schlagabtausch, mein Trainer. Der Mann hat Grenztruppen und Käfigkämpfe hinter sich, trainiert deutsche Meister(innen) und Weltmeister(innen) und wäre mein absolut präferierter Telefonjoker, sollte ich mal bei „Wer wird Millionär?“ mitspielen. Während dem Boxer oder Kampfsportler per se ja oft das Vorurteil vorauseilt, durch die wiederholten Schläge an den Kopf ein überwiegend dumpfbackiger Hohlkörper auf Testosteron-Basis mit chronisch angeschwollenen Sackadern zu sein, sprechen wir hier entweder von der Ausnahme, die die Regel bestätigt, oder fangen am besten mal an, uns von Vorurteilen und Klischees zu verabschieden. „Gut erzogen, aber gefährlich!“ – Das ist das Motto, das er seinen Schülern vermittelt – auf und neben der Matte. Und zu seinen Schülern – denen, die bei ihm Nachhilfe bekommen – gehören längst nicht mehr nur überforderte oder unterförderte Erst- bis Zehntklässler. Mittlerweile ist Gonzo zu so etwas wie einem Geheimtipp geworden: der Mann, der auf unkonventionelle Art und Weise Wissen vermittelt, Zusammenhänge erklärt und feste Denkknoten entfilzt. Die ältesten Schüler sind beinahe 50 und stehen mitten im Leben. Da ist nix mit poröse Weisheiten vermitteln oder einfach nur Merksätze, Regeln und kluge Sprüche aufzählen! Da braucht es Charakter und einen Plan. Einen guten, einen eigenen am besten! Ich habe mittlerweile auf jeden Fall längst mein Zeichen-Kontingent überschritten und kann grad selbst nicht mehr beurteilen, ob ich das geschrieben habe, was ich wollte, aber ich bin eigentlich durch.
Bleibt gefährlich erzogen, aber gut – oder wie das war …


Lypse

Ein Beitrag von Lypse

Maulbeerurgestein, schrieb als Lypse seit 2007 im Maulbeerblatt; heute freier Autor und Kolumnist, Hörbuchautor und Hörbuchredakteur Zitat: „Die Welt ist eine Schreibe.“