Bananentor

25 Jahre Deutsche Einheit

Stolz und Vorurteil heißt der Lieblingsroman meiner Liebsten. Ich habe ihn noch nie gelesen, sehe aber jeden Tag den Buchrücken in unserem Bücherregal. Selbst, wenn ich es gelesen hätte, ich gäbe es nicht zu. So bleibt dem Leser nur die Spekulation. Ist auch nebensächlich. Der Titel des Romanes ist es, der mir die Antwort auf viel deutsche Probleme zu geben scheint. Vor 25 Jahren stellte sich für mich die Frage, wer ich, besser was ich eigentlich bin. Ich hatte nie das Gefühl, ein Deutscher zu sein. Sicherlich, meine Sprache war deutsch und ich wohnte in der Deutschen Demokratischen Republik, deren bevormundendes System ich ablehnte, aber Deutscher, nee, Deutscher war ich nicht. Ich war einer von denen im Osten und dann waren da noch die im Westen. Die DDR war nicht mein Land, aber Oberschöneweide der Ort, an dem ich mich zu Hause wußte. Plötzlich fiel die Mauer, genau vier Tage, bevor ich meinen Fluchtplan in den Westen umsetzen konnte und alles war perfekt. Deutschland, Deutschland über Ungarn ein riesiger Umweg, mit dem Bus von Schönefeld nach Rudow, mit der U7 nach Neukölln und dann irgendwie weiter zum Kuhdamm. Dort sah ich die erste echte Demo, ein paar junge Leute in Schwarz skandierten „BRD, Bullenstaat- das ham` wir zum Kotzen satt.“ Eskortiert wurden die etwa 30 Demonstranten von einer Hundertschaft Polizei in voller Kampfmontur. Niemand wurde verhaftet, niemand auf offener Straße verprügelt. Das war genau mein Ding, endlich mal die Meinung sagen können, ohne Repressalien erwarten zu müssen.

Die Tage der Ungewissheit kamen und mit ihnen die unbeschwerte Aufbruchstimmung. Was wird werden aus der DDR? Die Vision vom besseren Sozialismus teilte nur wenige, unter den Visionären – viele davon aus der Opposition. Die Blockparteien schrien –„Keine sozialistischen Experimente“. Der dicke Helmut kam in die Zone predigte blühende Landschaften. Einigen wird es besser, vielen wird es schlechter gehen. Oder so ähnlich. Viele Jubeln, viele gehen ihm auf den Leim, ein Jahr später regnet es für ihn faule Eier.

2.10.1990.
Abends. Ich sitze zusammen mit Freunden, wir lassen uns ein paar Bier schmecken. Die Stimmung ist schlecht, die Zukunft ungewiss. Unsere Meinungen gehen auseinander. Waren wir vor gut einem Jahr noch alle Opposition, so outen sich jetzt die ersten REP- Wähler. Einige von uns beschließen, gegen Mitternacht zum Feiern ans Brandenburger Tor zu fahren. Mir ist nicht nach feiern zumute und so gebe ich mir die Kante und wanke nach Hause. Am nächsten Tag fahre ich mit meinem besten Freund zum Kuhdamm und wir lernen Linke aus Hannover kennen, die haben ein ähnliches Identitätsproblem wie wir. Deutsch ist unsere Sprache, das Band, das uns zusammen hält. Ost und West sind kein Thema zwischen uns, wir sind Beobachter einer Schmierenkomödie. Die Freundschaft pflege ich bis heute.

Sommer 1992
In Rostock brennen Ausländerheime, der Mob klatscht. Die Ärzte singen: Schrei nach Liebe.
In einem Döner Imbiss lerne ich 2 Junge Neonazis kennen. Wir streiten, wir diskutieren, wir stoßen am Ende der Diskussion mit einem Glas Raki auf die Türkei an.

03.10. 1998
Ich nehme zum ersten Mal am Umzug zum Einheitstag teil. Es regnet, ich fahre auf einem Wagen des Festumzuges als Hilfstechniker mit. Der Besucherandrang auf dem 17. Juni hält sich in Grenzen. Wenigstens keine waffenstarrende Parade. Die deutsche Luftwaffe fliegt Einsätze gegen Serbien. Die Menschen in der Welt sagen, wir Deutschen hätten ein Identitätsproblem.

Sommer 2006
Deutschland im Fußballfieber, WM im eigenen Land . Der Kader besteht aus blutdefinierten Deutschen und Deutschen mit Migrationshintergrund. Der Trainer, ein kosmopolitischer Schwabe, Weltmeister von 1990. Die Mannschaft begeistert und Merkel erhöht wie versprochen die Mehrwertsteuer. Es wehen schwarzrotgoldene Fahnen. Das Ausland sagt, na endlich. Wenige Deutsche sagen: Mehr echte Deutsche Spieler.
2009 Landtagswählen in Brandenburg. In einem Interview befragt, ob es ihm Recht sei, das heutzutage ein Herr Özil Tore für Deutschland schießt, antwortet ein NPD Funktionär, ihm wäre lieber, dass ein Herr Klose die Tore für Deutschland schieße. Erst denken, dann antworten. Die Rechten bekommen 3,5% die Roten zusammen fast 60% der Stimmen. Sieht so ein braunes Land aus?

Spätsommer 2015
Bald jährt sich die deutsche Einheit zum 25sten mal. Viel hat sich verändert. Ich habe mich arrangiert, vielleicht auch resigniert. Der Mob trennt jetzt Müll und nutzt alternative Energien. Deutschland öffnet die Grenzen für Flüchtlinge. Willkommensplakate am Münchner Hauptbahnhof. Wenn das jetzt Deutschland ist, dann bin ich stolz darauf. Mag man über diese Maßnahme denken, was man will. Sie ist ein gutes Zeichen und dafür bekommt sie meinen Daumen aufwärts. Viele Fragen bleiben dennoch offen. Wer kommt zu uns? Wer trägt die Last, die auf uns zurollt? Was ist mit unseren Bedürfnissen. Viele haben Angst vor der Armut der Fremden. Viele haben Vorurteile gegenüber den Zweiflern. Nazis Raus – so heißt es schnell und lautstark. Der ostdeutsche Nazi, der Teufel aus der Kiste, die Allzweckwaffe im Wahlkampf, das kann nicht der Weg sein. Es liegt an uns, die Dinge in die Hand zu nehmen. Der Mob, das sind wir. Wir sollten zusammen halten, helfen, die Neuen zu integrieren, fordern, dass die Last gerecht verteilt wird. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde, viele von uns merken davon nicht viel.
Klärt auf, gebt Antworten, geht in den Dialog mit den Zweiflern und bittet sie um Mithilfe. Grenzt nicht schon wieder aus, die, die anders denken, auch wenn wir nicht ihrer Meinung sind.


Holger Claaßen

Ein Beitrag von Holger Claaßen

Berliner Schnauze. Professioneller Spaziergänger, der seine Streifzüge auch als Taxifahrer unternimmt. Ist mit sämtlichen Kiezgrößen bekannt und selbstverständlich EISERN. Motto: „Watt isn los Mausebeen?“ (Zum Chefredakteur)