Eine Ferienhaussiedlung im Landschaftsschutzgebiet? Warum nicht. Im Internet lässt sich fast alles verkaufen. Die reale Existenz der gehandelten Ware ist dabei nicht zwingend vorausgesetzt. Bei www. tourist-online.de wird „Natur und Großstadt, Entspannung und Sport, Privatsphäre und Geselligkeit“ im Ferienhausdorf Rübezahl, direkt am Müggelsee in Berlin-Köpenick ab 590,- EUR pro Woche angeboten. „Sie wohnen mitten in der Natur, umgeben vom Landschaftsschutzgebiet und nur wenige Schritte von Berlins größtem See entfernt.“ Als Baujahr des Ferienobjekts wird 2012 angegeben, eine Reiserücktrittkostenversicherung sei im Preis inbegriffen.
Liebe Köpenicker, machen Sie sich keine Sorgen! Dort stehen gar keine Ferienhäuser. Die Bilder, die in dem Buchungsportal verwendet werden, sind Computergrafiken. Faktisch ist eine online-Buchung derzeit nicht möglich. Machen Sie sich andererseits große Sorgen! Der vorhabenbezogene Bebauungsplan 9-27 VE („Rübezahl“) wurde am 25.08.2011 von der Bezirksverordnetenversammlung mit überwiegender Mehrheit beschlossen. Still und leise, im medialen Schatten der Proteste gegen die Müggelsee-Flugrouten. Was bedeutet das konkret?

Auf dem Areal darf gebaut werden. Bewilligt sind zunächst 26 massive Ferienhäuser mit Geschossflächen zwischen 148qm und 240qm. Zweigeschossig, mit Sauna, Whirlpool – und Internetanschluss. Baustadtrat Rainer Hölmer ist einer der Befürworter der Ferienhaussiedlung. Den Investoren solle die Bebauung ermöglicht werden, damit nicht noch mehr Lokale verschwinden, äußerte er bereits 2009 gegenüber der Berliner Zeitung. Die sinnvolle touristische Erschließung eines brachliegenden Gebietes – so sieht es die Bezirksverordnetenversammlung. Um beurteilen können, was sinnvoll ist, muss man seine Besucher kennen.
Die aktuellen Erhebungen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zeigen rückläufige Zahlen im Vergleich zum Vorjahr. Im Schnitt verweilt der Besucher zwei Tage hier, die Bettenauslastung im Juni 2011 betrug 44,7%. Michael Diehl, Mitarbeiter des Tourismusvereins Berlin Treptow-Köpenick e.V., geht davon aus, dass Treptow-Köpenick vor allem für solche Berlinbesucher reizvoll ist, die nicht zum ersten mal in der Stadt sind. Generell sei das Interesse an Tagesausflügen höher als das an Unterkünften. Als beliebteste Ziele nennt er den Treptower Park, die Wuhlheide, die Altstadt Köpenick, Friedrichshagen und den Müggelsee. Gefragt sei die Aktiverholung am Stadtrand. Die Leute sind vor allem mit Rad und Boot unterwegs, oder sie wandern. Die Wuhlheide und die Bäder sind besonders bei Familien beliebt. Michael Diehl wünscht sich für den Tourismus im Bezirk die Ausschöpfung des Wirtschaftsfaktors Wassersport. Im Wassertourismus, meint er, liege viel Potential. Hier müsse eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Es erscheint vor diesem Hintergrund wenigstens fragwürdig, ob es sinnvoll ist, bei rückläufigen bernachtungszahlen mehr bernachtungsmöglichkeiten anzubieten, zumal der Interessenschwerpunkt der Besucher offenkundig ein anderer ist.
Darüber hinaus ist der Müggelsee seit 2004 offizielles EU-Schutzgebiet. Die Bürgerinitiative Müggelsee befürchtet, dass mit dem Bau der Häuser eine Splittersiedlung entsteht. Das Parken im Trinkwasserschutzgebiet erfordert die Versiegelung von Flächen. Die geplante Umzäunung zerschneidet ebenso wie die Zufahrtsstraße die Landschaft. Wer auf sanften Tourismus setzt, wird sich mit den Ferienhäusern in der geplanten Form nicht anfreunden können. Noch einen Schritt weiter reichen die Befürchtungen einiger Bürger, die in der Siedlung schlicht einen Dammbruch sehen. Man sei sich seit über hundert Jahren einig, dass das Südufer nicht bebaut werden darf. Wenn nun am Standort „Rübezahl“ dennoch Gebäude errichtet werden, können die Betreiber der Müggelseeperle und des Müggelhorts das selbe Recht für sich in Anspruch nehmen.

Vor allem aber bestehen erhebliche Zweifel daran, dass hier tatsächlich Ferienwohnungen geplant sind, sondern vielmehr später eine Umwidmung in Eigenheime erfolgen soll. Natürlich ist der Bezirk bestrebt, diese Bedenken zu zerstreuen. Eine solche Umwandlung sei nicht erlaubt, sie bedürfte der nderung des Flächennutzungsplanes des Landes Berlin, sagte Rainer Hölmer. Schlüssig ist das Argument indes nicht, denn kein Flächennutzungsplan ist in Stein gemeißelt. Dazu Stefan Förster (FDP), ehemaliger Bezirksabgeordneter: „Der Flächennutzungsplan musste bereits für die Ansiedlung der Ferienhäuser geändert werden. Eine nochmalige nderung wäre nach Ansicht des Bezirksamts wohl erforderlich, wenn eine Umwidmung in Dauerwohnungen erfolgen sollte, was nach Aussage der Leiterin vom Stadtplanungsamt nicht ausgeschlossen werden kann und aus meiner Sicht auch recht wahrscheinlich ist bzw. von den sog. Investoren von Anfang an geplant wurde.“ Selbst wenn sich Flächennutzungsplan und Baugenehmigung als rechtswidrig erweisen würde, wären die Bürger machtlos. Nur als unmittelbare Nachbarn könnten sie sich gegen das Bauvorhaben wenden. Klagebefugt ist jetzt allein der Naturschutzbund. Dem fehlen die für eine Klageerhebung nötigen Mittel. „Leider sieht es so aus, als wenn der NABU Landesverband diese Klage aus Kostengründen nicht erheben will“, teilt Frau Stavorinus vom NABU Treptow-Köpenick mit. Ganz aufgegeben hat der NABU die Hoffnung aber noch nicht. Interessierte Bürger können sich an den Vorstand des NABU Landesverbandes, Herrn Thorsten Hausschild (thauschild@nabu-berlin.de), wenden und verdeutlichen, wie wichtig eine Klageerhebung ist, so Frau Stavorinus weiter.

Vorläufig tut der Reiseveranstalter dennoch gut daran, die Ferienhäuser auf dem Rübezahl-Gelände nicht allzu offensiv zu bewerben. Spätestens, wenn der Flugverkehr über den Müggelsee geleitet wird, müsste der Text statt „Entspannung mitten in der Natur“ zu „lebhafte Gegend für Technikbegeisterte“ umformuliert werden.


Stefanie Fiebrig

Ein Beitrag von Stefanie Fiebrig

schreibt, fotografiert und designt. Von Zeit zu Zeit hat sie eine Idee. Angeblich war auch schon mal was Gutes dabei! Zitat: „Ich geh jetzt in mein Stadion.“