Götz Steeger am Mikrofon

Götz Steeger am Mikrofon

Prinzip Hoffnung

Am 24. September tritt Götz Steeger die große Fahrt vom deutschen Liverpool in die Musikmetropole Köpenick an. Dafür hat er eigens den Auftritt in der Elbphilharmonie abgesagt und kommt stattdessen Elbe, Havel und Spree hinauf geschippert, um uns zu beehren. Und dass Götz Steeger am Wahltag kommt, kommt nicht von ungefähr.
Wenn er nicht gerade in Hamburg ist, verbringt er gerne seine Zeit in einem Dorf im südfranzösischen Aveyron. Nicht weit von diesem Dorf entfernt liegt der Cirque de Navacelles: ein Felsenkessel, den die Zeit zu einem gigantischen natürlichen Amphitheater geformt hat. Dem Betrachter bietet sich ein grandioses Panorama. Und von hier aus beginnt auch die kurze Reise durch die musikalische Welt Götz Steegers. Ahoi.

Die Eröffnung seines aktuellen Albums „Nutzlose Zeugen“ mit einem kurzen Monolog über den Cirque de Navacelles verweist gleich zu Beginn auf das Fundament seiner Musik: den Text. Jedes Wort muss sitzen, bevor die Melodie sich wie ein Klangteppich aus Pop, Prog-Rock, Folk oder Electro darüber legt. Neben Autoren wie dem spanischen Autor Rafael Chirbes, dessen politische Romane ihn sehr beeinflusst haben, ist es ganz allumfassend „der Zustand der Welt“, über den er schreibt und singt.
Damit meint Götz Steeger jedoch nicht den selbstreferenziellen Blick, wie er in der Popmusik derzeit so gerne zelebriert wird. Eher verortet er sich, wie er es selbst nennt, in der Tradition von Aufklärung und Realismus. Sein Blick auf die Welt ist ein gesellschaftskritischer, verpackt in poetische Sprachgewalt, die erst auf den zweiten Blick die eigentlichen Aussagen erkennen lässt. Ob er politisch durch die 68er geprägt sei? Ja, er könne damit durchaus was anfangen. Ein Onkel aus Berlin hätte da gewisse Anteile gehabt.

Popmusiker? Liedermacher? Label sind doof.

Musikalisch geprägt wurde er jedenfalls durch das Elternhaus. Die Mutter Sopranistin, der Vater Korrepetitor, wurde ihm das Musikerhandwerk sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Der Karriere als Star-Pianist stand also nichts im Wege – bis auf die Faulheit des sechsjährigen Genies. Statt langweiliger Klavierübungen griff er lieber mit zehn Jahren selbst zur Gitarre und übte sich im Kinderzimmer so lange die Finger wund, bis er „A Hard Day’s Night“ perfekt spielen konnte. Konsequent war da nur der pubertäre Abstecher zum Punkrock, um später bei Prog-Rockbands wie „Anyone’s Daughter“ mitzuspielen. Und heute? Welches Label ist sein Zuhause? Eine schwierige Frage. Ob er sich als Liedermacher bezeichnen würde? „Wenn es sein muss“, antwortet er zögerlich. Obwohl er sich in den typischen Liedermacher-Klischees mit Klampfe und missionarischen Textbotschaften überhaupt nicht zuhause fühlt. Eher würde er sich als Popmusiker bezeichnen, angetrieben vom Prinzip Hoffnung.

Die Musik kommt dann im Blindflug.

Wenn es schon eine musikalische Tradition sein muss, dann nichts richtig und von allem ein bisschen. Nicht nur, dass Götz Steeger so ziemlich alle Instrumente spielt, sucht er sich das musikalische Material aus ganz verschiedenen Ecken zusammen. Aus dem, was er oft gehört hat, ergibt sich im Zusammenspiel mit kleinen Veränderungen etwas Neues.
So entsteht schließlich die Musik zu seinen Texten: Sie ist plötzlich da, kommt von überall und ist absolut in diesem Augenblick – ein Aufgehobensein in dieser Welt. Textlich wie musikalisch eröffnet sich ein neuer Blick. Als stehe man vor dem Cirque de Navacelles, und die atemberaubende Sicht lässt Dinge plötzlich ganz anders erscheinen

24. September 2017, 11:30 – 13 Uhr, Götz Steeger
Schliwas Weinkulturhaus, Alt-Köpenick 12, 12555 Berlin
Die noch junge Veranstaltungsreihe „Après Church“ des KunstHofKöpenick e.V. lädt ihre Gäste ein, bei einem Glas Wein und frisch zubereiteten Speisen Kunst und Kultur zu genießen. Der Eintritt ist frei. Über einen Kulturbeitrag nach Gefallen freuen sich Künstler und Verein.
www.kunsthofkoepenick.de | www.goetz steeger.de

Foto: Maren Carstensen


Therese Reinke

Ein Beitrag von Therese Reinke

Wirkt auf den ersten Blick ganz harmlos, aber ein Tier an der Tastatur. Nach langer Zeit im Exil wieder zurück und eine neue Heimat im Schreiben gefunden. Spezialisiert auf einfach Alles. Markenzeichen: peinliche Spotify-Playlists. Zitat: „Nordkind bleibt Nordkind und Windsbraut bleibt Windsbraut.“