Wie deutsch bist Du denn …?
Von der Millionenstadt ins Inseldorf

Als Berliner ist man ja schon stolz, Berliner zu sein. Von Berliner Schnauze bis vegan everything und hipster feelgood lifestyle, ist das die best city ever. Und so voll anders als Germany. Das Bewusstsein deutscher Identität kommt erst bei Konfrontation mit Gegenidentität auf. Wo kommt man da besser zur Erkenntnis als in einem kleinen staubigen Inselstädtlein kurz vorm Äquator, in dem die Clubs um 2:00 Uhr dicht machen? (Ja, das 2:00 Uhr kurz nach Mitternacht.)
Von der Millionenstadt ins Inseldorf
Foto: Mikail Duran, Math

Zypern also

Richtig, ist irgendwo im Süden. Auch ich, eine von diesen ach so weltoffenen, hippen, funky Berlinerinnen, muss nach einigen Monaten in Nikosia zugeben, dass meine Mentalität doch irgendwo zwischen Kebab und Sauerkraut fest verankert ist. Das viel zu oft gehörte verunsicherte „Sooo is that a German thing …?“ ist Beweis genug. Hier eine Auswahl der ersten Symptome, durch die sich das Deutschsein im Süden bemerkbar macht:

1. Du willst Dein klappriges Fahrrad mit sieben Panzerschlössern sichern.

Beim Anblick der 1,50€-Plastiknudel von Fahrradschloss, mit der ich mein Rad hier in der Innenstadt anschließe, würde dem Berliner Zweiraddieb glatt die Nagelschere ins Wegbier fallen.
Als ich dann neulich das Schloss versehentlich, weil es nun mal so klein ist, nur um den Pfahl geschlossen habe statt an mein Fahrrad und letzteres nachts immer noch da war, habe ich den Gedanken an Diebstahlgefahr verworfen.
Berlin, wie kriminell bist Du eigentlich?


2. Du entschuldigst Dich fürs Zuspätkommen.

Oder kommst gar pünktlich. Das stieß auf so viel Unverständnis, das mache ich nie wieder.


3. Du findest eine Mauer mitten durch die Hauptstadt voll 20. Jahrhundert.

Als einzige geteilte Hauptstadt weltweit ist Nikosia geprägt von der Grenze, die den griechischen Süden vom türkisch besetzten Norden trennt.

Es ist allerdings ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Nordteil nur von der Türkei anerkannt sei. Mit der „Willkommen in der Türkei“-SMS informiert dich jede Telefongesellschaft freundlich über die Legitimierung der Türkei zugehörigen Inselparts, im Wert Deines eben noch vorhandenen Guthabens.


4. Du verlässt Dich auf den Wetterbericht.

Und es ist Dir eine Genugtuung, gegenüber Deinen in Berlin Gebliebenen die frischen fünfundzwanzig Grad des zypriotischen Novembers zu erwähnen.
Die überraschenden Schauer, die die nächste Sintflut ankündigen, lässt Du unerwähnt. Du hast ja Deine gute deutsche Regenjacke.


5. Du besitzt eine Regenjacke. Und eine Stirnlampe und einen Schlafsack und einen Jack Wolfskin-Rucksack und …

Noch nie musste ich mir so viele Witze über meine anscheinend übertriebenen Survival-Gadgets anhören. Aber ratet, wessen Stirnlampe beim Campen permanent ausgeliehen wurde – richtig, die der anderen Deutschen, meiner fehlten die Batterien. Das Deutschsein muss ich doch noch mal üben.


Anaïs Scheel
Ein Beitrag von

Kulturwissenschaftsstudentin, Weltenbummlerin, Kanadaverliebte. Schreibt am liebsten in lauten Cafés oder im RE zur Uni. Zitat: „Geduld ist Zeitverschwendung.“


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