Über die Zeit, die Freizeit und den Sinn des Lebens

„Tut mir leid, ich habe heute leider wirklich keine Zeit“, sagt R. mit entschuldigendem Blick zu mir und verweist auf seine für die Uni bis Montag zu erledigende mehrseitige Hausarbeit in Sozialwissenschaften. Dass er für die Bearbeitung dieser Arbeit insgesamt vier Monate Gelegenheit hatte und nicht nur das nun ganz plötzlich anstehende letzte Wochenende vor dem Abgabetermin, werfe ich ihm an dieser Stelle nicht direkt an den Kopf. Es ist eine Art Gentlemen’s Agreement unter Prokrastinierern, sich nicht gegenseitig mit erhobenen Moral-Zeigefingern und „hättest du mal früher…“-Aussagen zu zerfleischen.

Dennoch kann ich einen gewissen Unmut nicht ganz verhehlen. Schließlich planen wir schon seit einer gefühlten Ewigkeit unser Treffen und wer weiß, wann es das nächste Mal tatsächlich klappt. Wenigstens bringt mich die Absage von R. Nach einer Weile ins Grübeln. Kann ein Mensch überhaupt so gar keine Zeit haben? Physikalisch betrachtet sicherlich nicht, ist er doch stets an Zeit und Raum gebunden (was uns alle automatisch zu Raumgestaltern macht, aber davon ein andermal mehr). Hätte er keine Zeit und somit nur noch Raum, würde er theoretisch nicht altern.

Doch genau das tut R. auch dann, wenn er die fällige Hausarbeit übermüdet und gereizt in seine Tastatur hackt. Manche mögen behaupten, dass er an diesem einen schlaflosen Wochenende voller Energy Drinks, zigfach gespeicherter Dateiversionen und Fertiggerichte in Familien-Packung sogar um Jahre altern wird. Genau genommen hat R. also Zeit – und zwar so viel, wie R. sie vor einer Woche hatte und auch in einem Monat haben wird. Denn der Tag ist für uns immer gleich lang. Die 86.400 Sekunden vergehen ziemlich unbeeindruckt davon, ob wir eine Gehaltserhöhung bekommen haben, zum ersten Mal auf ein Pferd gestiegen sind oder uns mit dem großen Bruder streiten.

R. kann dieses Kontingent diesmal nur nicht so verwenden, wie er und ich es gerne hätten. Korrekterweise müsste man demnach immer von Freizeit sprechen, will man ausdrücken durch Arbeit und andere Verpflichtungen nicht für die schönen Dinge des Lebens verfügbar zu sein. Vielleicht wäre das aber auch ein zu direkter Hinweis auf die zweitgrößte Frage, die sich ein Mensch stellen kann. Nach dem Sinn unserer Existenz ist die Zeit, die wir noch auf der Erde haben, für manche die nächste quälende Antwort, die auf sich warten lässt, gehört sie doch zu den wenigen Dingen, die der Homo sapiens (bislang) nicht vollends beeinflussen oder gar kontrollieren kann.

In der Tat lässt uns die Ungewissheit, wie viel Sand noch in der Uhr steckt, gerade ältere Semester mitunter allzu dubiose Produkte und Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Ob die sogenannte Mittelmeer-Diät, plumpe Anti-Aging-Cremes oder Extrakte vom asiatischen Reishi-Pilz: Zufrieden sind am Ende vor allem die Geld scheffelnden Verkäufer. Dann soll man es doch lieber so halten, wie es schon Hobby-Philosoph Johann Wolfgang von Goethe erkannte: „Wir haben genug Zeit, wenn wir sie nur richtig verwenden.“


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“