maulbeerblatt ausgabe 73

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. So weit die Überlieferung.
Dieses Naturschauspiel, mal beim Wortsinn genommen, haben wohl nur die Wenigsten bisher beobachtet oder gar am eigenen Leibe gespürt. Weshalb man nun auch nicht genau wissen kann, ob es sich bei genanntem Ausschlagen um rohes Verdreschen unschuldiger Spaziergänger oder um einen hinterhältigen, aber harmlosen Klaps handelt, der einem von einer verholzten Pflanze mitgegeben wird. Auch die Beweggründe sind unklar. Geschieht es aus Langeweile? Aus reiner Freude an der Gewalt? Oder ist es purer Übermut?

Man kann derzeit mitunter an sich selbst feststellen, dass man einen gewissen Energieschub und Tatendrang verspürt, beschwingt von den milderen Temperaturen, dem Vogelgezwitscher und den Frühlingssonnenstrahlen. Viele sind plötzlich bewegungsfreudiger als noch kurz zuvor, gehen häufiger spazieren, treiben ein bisschen mehr Sport oder buddeln freudig in Gärten herum. Und manche kommen sogar auf die Idee, sich schick zu machen und mit großem Trara in den Mai zu tanzen.

So ein Baum hat da weit weniger Entfaltungsspielraum. Aber schick machen kann er sich auch. Sein sprichwörtliches Ausschlagen dieser Tage ist also wahrscheinlich überhaupt nicht hinterlistiger oder grober Natur, sondern seine Art und Weise, uns freundlich zum Tanz aufzufordern. Und sowas kann man ja nur schwerlich ausschlagen.

Auch wir dürfen bitten. (Ab dem 05.05.)
Ihre Maulbeerblatt-Redaktion


Meia

Ein Beitrag von Meia

Sternzeichen Schreibblock, studiert seit mehr als 75 Semestern Allgemeinbildung, ist verliebt in Friedrichshagen und kam wie die Jungfrau zum Blatt. Zitat: „Vielleicht bin ick nich schlau, aba klug bin ick nu ooch wieda nich."