Über den Mond

Der Mensch kann ja schon ziemlich unfair sein. Zum Beispiel dem Mond gegenüber, wenn aus dem Frühling der Sommer wird und nur noch über die Sonne geredet wird. Rio Reiser bildete hier 1986 mit seinem Titel „Junimond“ eine rühmliche Ausnahme, vielleicht aber auch nur deshalb, weil „Junisonne“ nicht so recht ins Versmaß passen wollte.

So oder so, lang ist’s her. Nicht verwunderlich, dass den Mond das traurig stimmt. Schon Mitte Juni wird er sich fürchterlich betrinken, danach als Vollmond erscheinen und viele von uns um den Schlaf bringen. Dann ist er kurzfristig wieder in aller Munde, möchte das aber auch gern bleiben, weshalb er direkt im Anschluss das tatsächlich sehr verblüffende Kunststück vollführen wird, innerhalb einer Woche massiv abzunehmen.

Auf die Hälfte seiner ursprünglichen Erscheinung geschrumpft, werden Lob und Anerkennung jedoch weitestgehend ausbleiben. Es folgt ein Hungerstreik, woraufhin der Mond nur noch als gebogener Strich in der Landschaft und plötzlich, in einer Spätjuninacht, einfach gar nicht mehr zu sehen sein wird.
Verschwunden. Weg. Tschüss.

Er wird das durchziehen wollen, der arme Kerl. Irgendwoanders hin, wo man sich für ihn interessiert. Nachvollziehbar.

Doch genau dann -erst Ende Juni, der lange Postweg- wird ihn diese Ausgabe des Maulbeerblattes erreichen. Gerade noch rechtzeitig.
Er wird sich ein wenig verstandener fühlen und uns noch in der Folgenacht ein sichelförmiges Zwinkern senden.

Wir zwinkern dann alle zurück. Abgemacht?


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