Maulbeere Dietrich

Klar gab es in meiner Kindheit einen Tannenbaum mit Kerzen und Lametta, Geschenke im Überfluss und diese Weihnachts-Euphorie. Aber ich wurde früh um den Zauber des Weihnachtsmannes gebracht. Ich war noch nicht in der Schule, als ich mit meiner sieben Jahre älteren Schwester zu Heiligmittag auf der Lauer lag, oben an der Treppe in unserem alten Haus, wo man unentdeckt alles hören, aber nichts sehen konnte.

Unten liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren und als ein paar Mal laut die Haustür klappte, flüsterte ich ganz aufgeregt meiner Schwester zu: „Jetzt ist der Weihnachtsmann da und bringt Geschenke.“

Meine Schwester, die bereits die frühe Phase der Pubertät erreicht haben musste, klärte mich auf: „Den Weihnachtsmann gibt’s doch gar nicht!“ Und ich, noch in dem Alter, in dem meine Schwester eine unvorstellbare Autorität hatte, einfach weil sie so klug war und immer alles wusste, ich war zwar erschrocken, glaubte aber nie mehr an den Weihnachtsmann. (Als ich meine Erkenntnis in der ersten Klasse mit meinen Mitschülern teilen wollte, reagierten Lehrerin und Kinder gleichermaßen gereizt).

Doch dank meiner Frau wurden unsere Jungs im unerschütterlichen Glauben an den guten Alten mit dem weißen Bart groß. Ohnehin haben wir das Fest auf höchstem Niveau zelebriert, mit Puppenstuben-Deko, Weihnachtsbaumschlagen im Wald, Plätzchen backen, basteln. Und kaum dass unser Großer den Windeln entwachsen war, kam auch schon der Weihnachtsmann, jedes Jahr pünktlich um 18 Uhr: Die Rentier-Kutsche, so sagte die Oma, parkte oben hinter den Ästen der Bäume, wo man sie nicht so genau sehen konnte. Dann kam er rein, natürlich im roten Gewand, mit langem Bart und einer Maske, die unsern Großen nur im ersten Jahr erschreckte. Der Kleine lernte diese Angst gar nicht erst kennen. Schade war nur, dass der Opa nie da war, wenn der Mann mit den Geschenken kam. Entweder holte er da gerade Zigaretten von der Tankstelle, oder war noch mal nach Hause gefahren, um eine Flasche Sekt zu besorgen oder die Wiener Würstchen, die doch während der Bescherung längst auf dem Herd dampften.

Dann rückte das Jahr heran, in dem die Großeltern das Fest irgendwo anders feierten. Wer sollte nun den Weihnachtsmann spielen? Der Vater konnte doch schlecht an Heiligabend Zigaretten oder Sekt heranschaffen, noch dazu wenn gerade in der Stube die Bescherung stattstand. Wir organisierten also mit einer anderen uns gut bekannten Familie einen Vätertausch. Doch was wir Eltern so klug ausgetüftelt hatten, ging mit Pauken und Trompeten in die Hose.

Unser Weihnachtsmann kam ohne Kostüm. Nachdem er geklingelt hatte, zogen meine Frau und ich ihm draußen in aller Eile unseren roten Mantel über, und er musste diese schreckliche Maske mit dem starr lächelnden Gesicht aufsetzen. Durch die Augenlöcher konnte er kaum etwas erkennen, so dass er mit dem Sack planlos durch den Flur irrte. Meine Frau packte ihn am Arm, um ihn sanft ins Wohnzimmer zu führen. Aber der Weihnachtsmann missverstand die Geste und rief barsch: „He, was ist los?“

Unsere Jungs begannen zu kichern, zumal ihnen sofort aufgefallen war, dass der rote Mantel nicht richtig saß und darunter ein Jackett hervorlugte. Als der Weihnachtsmann schließlich planmäßig die Geschenke verteilte, unterbrach ihn der Große: „Du bist doch Frank, oder?“

„Aber nein, ich bin der Weihnachtsmann.“

Der Kleine: „Du hast aber Franks Stimme!“ Komisch, beim Opa war das nie aufgefallen. Und der Große: „Du trägst ja auch Franks Schuhe!“ Woher kannte er Franks Schuhe, fragten wir ihn? Die Antwort war eindeutig. „Der Weihnachtsmann hat Stiefel an.“

Ich fuhr anschließend doch noch zur Tankstelle, ich musste nun meinen Teil der Abmachung erfüllen. Ich wurde von den beiden Jungs dort, als ich mit dem Sack und blind von der Maske vor den Weihnachtsbaum tappte, mit meinem Vornamen begrüßt. „Hallo Dietrich!“

Ich fühlte mich gar nicht wohl, wurde dann ebenfalls auf Stimme und Schuhe angesprochen und am Ende gefragt: „War Papa vorhin bei Euch?“

Mir war lklar: Die beiden Söhne hier hatten das Weihnachtsmann-Brimborium längst durchschaut, mehr noch: sie hatten den ganzen Austausch-Plan schon vor Heiligabend aufgedeckt und ihn dann auch vor unseren Jungs gelüftet. Also fasste ich einen Entschluss.

Als ich wieder zu Hause klingelte, trug ich Maske und Mantel. Meine Frau sah mich irritiert an, rief aber geistesgegenwärtig: „Oh, Weihnachtsmann! Hast du etwas vergessen?“

„Den Weihnachtsmann gibt’s doch gar nicht!“ rief ich laut und drängte mich an ihr vorbei ins Wohnzimmer. Es dauerte eine Weile, bis die beiden Jungs von ihren Spielen aufsahen. „Seht, der Weihnachtsmann trägt gar nicht Franks Schuhe, und er hat auch nicht Franks Stimme!“

„Nein, das sind Papas Schuhe!“

„Richtig“, rief ich triumphierend, und riss mir die Maske vom Gesicht.

Schweigen, starre Blicke, blankes Entsetzen!

Das Wehklagen brach los. Die Enttäuschung war riesig, erbarmungslos wie die Wahrheit nun einmal ist, zerstörte sie jenes eine Weihnachtsfest. Heiligabend war gelaufen, und ich war schuld, ganz klar! Und als unsere beiden am selben Abend noch erfuhren, dass der Opa all die Jahre den Weihnachtsmann gemimt hatte, war es ganz vorbei. Empörung, Wut, Geheul! Es war wohl das unweihnachtlichste Weihnachten, das wir je hatten. Zum Glück war am ersten Feiertag alles wieder in Ordnung, der Schock verarbeitet: Das Fest war nicht zerstört, ansonsten ging ja alles wie gewohnt seinen Gang.

Später hat der Opa wieder das Amt übernommen, und seitdem zwinkern auch die Kinder mit den Augen, wenn der Weihnachtsmann kommt.


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"