Unbenannt-1

Wir sind alle individuell!

Die Einkaufstüten voller Lebensmittel sitze ich schon eine Weile im Bus nach Hause, als wir die nächste Haltestelle anfahren. „Mit dem Vogel dürfen Sie hier aber nicht rein“, brummt der Busfahrer in die Richtung eines älteren Herren, der gerade mit einem Huhn im Arm in den 164er einsteigen möchte. „Warum das denn?“, fragt dieser verwundert. „In meinem Bus fahren wenn überhaupt nur Haustiere mit“, entgegnet der Fahrer bestimmt. Kurzentschlossen richte ich mich von meinem Sitz etwas auf und erlaube mir eine Bemerkung: „Das Gallus gallus domesticus, besser bekannt als Haushuhn, ist doch aber bestimmt kein Wildtier!“

Die anderen Fahrgäste fangen wegen der Verzögerung an, dem Gespräch zu folgen. Der ältere Herr nickt mir anerkennend zu. „Na gut, dann aber nur mit einem extra Fahrschein mit Ermäßigungstarif“, lenkt der Fahrer genervt ein. „Nicht nötig“, grinst der Besitzer des Huhns, „das ist ein Blindenführhuhn in Ausbildung und darf daher unentgeltlich transportiert werden.“ Kopfschüttelnd winkt der Busfahrer den Herren durch und konzentriert sich wieder auf den Verkehr.

Das Huhn und sein Halter nehmen mir gegenüber Platz. Neugierig betrachte ich die beiden. Der Herr trägt einen teuer aussehenden grauen Anzug, schwarze glänzende Lederschuhe und eine große Uhr am rechten Handgelenk. Wie aus dem Ei gepellt, sozusagen. Das Huhn sieht aus wie ein herkömmliches Huhn, hat allerdings eine dünne grüne Leine um den Hals. „Ist das wirklich ein Blindenführhuhn?“ möchte ich interessiert wissen. Vorsichtig beugt sich der Herr zu mir nach vorn und schaut dabei immer wieder zum Busfahrer: „Nein, eigentlich nicht. Aber bislang sind Doris und ich damit ganz gut durchgekommen.“ „Ach du dickes Ei!“ Augenblicklich bin ich fasziniert von der Geschichte. Welchen Zweck verfolgt dieser Mann? Will er die Menschheit für ein bestimmtes Thema sensibilisieren? Hat er einfach nur Langeweile? Spielt er das Spiel auch mit anderen Tieren? Warum nennt man ein Haushuhn Doris? Ehe ich meine Gedanken geordnet habe, um die nächste Frage zu stellen, bewegt sich Doris auf den Mann zu und beginnt an der rechten Seite des Sakkos zu picken. Bereitwillig öffnet der Anzugträger sein Jackett, woraufhin Doris die Innentasche als nächstes Ziel wählt. Aus selbiger zaubert der Herr anschließend einen Flachmann hervor. „Ein Blindenhuhn findet auch mal ein Korn“, erklärt er lachend und genehmigt sich einen kräftigen Schluck.

„Warum tun Sie das alles?“ entschließe ich mich dann doch endlich nachzuhaken. Überrascht sieht mich der Herr an und setzt nochmals den Flachmann an, diesmal sogar noch etwas länger. „Um mich ein wenig abzugrenzen. Die zunehmende Uniformität der Menschen ist äußerst bedenklich. Allerorten versucht man sich zu individualisieren, aber letztlich kauft man doch die gleichen Marken, zieht dieselben Sachen an und gleicht sich damit wie ein Ei dem anderen.“ Mit dem Zeigefinger weist er mich auf eine Gruppe Jugendlicher hin, die etwas entfernt von uns mit ihren iPhones herumspielen. „Aber wo setzt man die Grenze zur Masse? Nur weil Oberflächlichkeiten übereinstimmen, ist man nicht gleich nur noch einer von vielen. Schließlich sind genau genommen nicht mal eineiige Zwillinge komplett identisch“, gebe ich zu bedenken. Zufrieden nickt mir der Mann zu. „Sie würden also sagen, dass es immer auf die Art und Weise ankommt, wie genau wir etwas oder jemanden betrachten, um die Einzigartigkeit zu erschließen?“ „Ich denke schon.“ Doris, die nach dem Auffinden des Flachmanns eine Zeit lang völlig ruhig geblieben war, gackert plötzlich los. Der Mann hebt sie seelenruhig hoch und bringt ein Ei zum Vorschein, das er mir vorsichtig in die Hand drückt. „Auf den ersten Blick eines wie jedes andere, aber doch Ursprung für ein völlig einzigartiges Lebewesen. Rufen Sie sich das ab und an ins Gedächtnis“, rät er mir mit milder Stimme, ehe er seine Doris nimmt und aussteigt.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“