_Frosch-quer

Es wird einem immer wieder erzählt während man aufwächst, dass nur die inneren Werte zählen. Gleichzeitig soll man doch bitte nicht lu?gen. Dieser lustige kleine Gegensatz ist eigentlich schon ein schönes Beispiel dafu?r, warum niemand sich in einen geistig gesunden Menschen entwickeln kann, sondern sich nach aller Wahrscheinlichkeit eine gesellschaftlich anerkannte Neurose zulegt, unter der dann eh alle anderen mitleiden und somit fast unbemerkt bleibt. Wer an den ersten Vorsatz wirklich glaubt, hat wahrscheinlich nie eine glu?ckliche Liebesbeziehung gehabt und Familienfeste sind ihm oder ihr so bekannt wie der sudanesische Laubmaulfrosch. Oder er lebt glu?cklich und zufrieden als Aussteiger auf der Wiese gleich an der Warschauer Bru?cke und weiß die Suppenku?che der Wohlfahrt wirklich zu schätzen. Wer es wirklich schon einmal gewagt hat, ohne ein geschniegeltes ußeres auf einer Familienzusammenkunft (Omas achtzigster, Hochzeit, Beerdigung) aufzutauchen, wird wissen, wie abschätzig oder bemitleidend man dann betrachtet wird. Hat er kein Geld? Nimmt er wieder Drogen?

Das sind mit die wahrscheinlichsten Fragen, die den ach so geliebten Verwandten durch den Kopf gehen werden. Dabei ist man nur gerade von seinem Schichtdienst herangerast, um sich zu zeigen und hatte dabei keine Zeit, sich die Sonntagsklamotten anzuziehen. Die eigenen Eltern ziehen einen dann wahrscheinlich in einen Nebenraum, um einen dann ungeachtet des Alters noch mit guter alter Muttispucke die Frisur gerade zu ziehen und das Gesicht zu säubern. Der Gedanke an einen Platz auf der Wiese an der Warschauer Bru?cke hat dann durchaus etwas Trostspendendes. Doch zum Glu?ck gibt es Alkohol, mit dem dann nach und nach alle ußerlichkeiten weggespu?lt werden und das, was ja eigentlich zählt, zum Vorschein kommt.

Oma vergisst schon nach dem zweiten Glas, wieviel sie getrunken hat, beziehungsweise gibt sich nicht die geringste Mu?he mitzuzählen, wenn ihr Sohn, der Onkel Theodor, ihr verzweifelt beichtet, dass sein fu?nfhundert Euro teurer Anzug das einzige ist, was er noch von Wert hat, da seine Hamsterfarm pleite gegangen ist. Wenn alles gut läuft, hat Cousine Rebecca noch ihr Coming Out, worauf eh schon alle u?ber die Jahre diverse Geldbeträge gewettet haben. Zum Abschluss gibt es vielleicht noch einen Vortrag von der Tante Debora, die jetzt endlich zum Glauben gefunden hat und einem eindringlich erzählt, dass sie doch alle Su?nder sind. Die eigenen Eltern sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da, denn nach dem fu?nften Glas Wein sind sie wie immer zu solchen Anlässen grinsend in irgendeine Besenkammer verschwunden. Spätestens hier stellt man die Entwicklung zur Kleinfamilie nicht mehr in Frage. Die bereits vorhandenen seelischen Narben wieder aufgefrischt, sieht man dem Treffen mit ein paar Freunden am nächsten Tag mit Entzu?cken entgegen. Denn wenn man ehrlich ist, sind diese Freunde nichts anderes als ein Ausgleich fu?r das, was man bei seinen Blutsverwandten ertragen muss. Die Familie ist eine Gemeinschaft, in die man von Geburt an gezwungen wird, Freunde sucht man sich gezielt aus, um sie mit seinem Wissen oder ußerem zu beeindrucken. Wenn man bedenkt, dass alle diese Hintergedanken haben, ist man in guter, entspannter Gemeinschaft.

Nachtrag: Ein eigener Kleidungsstil wurde entwickelt, der sich gewollt von dem der Eltern abhebt, sich diesem aber unerbittlich u?ber die Jahre angleicht. Klaus möchte sich mit phosphoreszierenden Kerzen selbstständig machen.