Die eisigen Klauen des Winters sind dieser Tage erfreulicherweise nicht mehr zu spüren. Doch trotz feinster Frühlingssonne, die die Glückshormone nur so hinaus jagt, schnupft und hustet der ein oder andere von uns noch träge vor sich hin. Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln ist dann zu erkennen, wie stark beispielsweise eine Grippewelle wirklich grassiert. Dabei ist eine gemeine Erkältung nicht nur für den Einzelnen ärgerlich, vielmehr kann sie unvorstellbare Auswirkungen für alle Erdbewohner haben.

Gemeint ist in dem Fall nicht die Ansteckungsgefahr, sondern die Empfindlichkeit des gesamten Systems, in dem wir leben. Schließlich kann ein Schmetterling in Tokio mit den Flügeln schlagen und allein mit diesem kleinen Windhauch in New York ein Gewitter auslösen – zumindest theoretisch. Was von der Wissenschaft passenderweise als Schmetterlingseffekt betitelt wird, umfasst sämtliche Dinge, die sensiblen Einfluss auf unsere instabile Umwelt ausüben können – also auch uns selbst. Sitzt nun ein kränkelnder Mensch am Bahnsteig in Friedrichshagen und niest, so tut er das (abhängig vom Lungenvolumen und der Zwerchfellmuskulatur) mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 900 km/h. Das sind verdammt viele Schmetterlinge. Niesen zwei Friedrichshagener zufällig gleichzeitig, sind das noch mehr Schmetterlinge und noch mehr Gewitter.

Schon kursieren im Netz die ersten bösen Kommentare, es mögen sich doch bitte genügend Friedrichshagener zum gemeinschaftlichen Niesen finden, damit Holland noch vor dem Klimawandel absäuft. Völlig außer Acht gelassen wird allerdings, welche Kräfte auf diese Weise möglicherweise freigesetzt werden. In der Vergangenheit genügte unter Umständen schon weitaus weniger, um große Zerstörung anzurichten. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Wir befinden uns im Nordamerika von vor 65 Millionen Jahren. Es gibt keine Städte, keine Straßen, keine Menschen. Stattdessen stehen überall mächtige Nadelhölzer und riesige Farne herum. Das Klima ist feuchtwarm, ja beinahe tropisch.

Aus allen Richtungen dringen verschiedenste Tierlaute hervor. Die meisten lassen darauf deuten, dass die Verursacher wirklich groß sein müssen. Die Dinosaurier sind die dominante Spezies auf dem Planeten. An einem Beerenstrauch lässt es sich ein früher Vorfahre der Feldmaus trotzdem unbesorgt schmecken. Plötzlich ist ein bedrohliches Knacken im Unterholz zu hören, die Erde erzittert und ein Tyrannosaurus rex erscheint zähnefletschend auf der Bildfläche. Sein Atem riecht nach Tod und Verwesung und sein ohrenbetäubendes Brüllen geht durch Mark und Bein. Und die Feldmaus? Lässt vor Schreck glatt einen fahren. Was ihr das Leben rettet, da Mr. T-Rex angesichts solch fehlender Körperbeherrschung abrupt die Jagdlust verliert und angewidert von dannen zieht. Was er dabei nicht ahnt: Der banale Mäusefurz setzt eine fatale Kettenreaktion in Gang, an deren Ende ein so gewaltiger Sandsturm steht, dass die Sonne über Jahrhunderte verdunkelt sein wird.

In der Folge gehen zuerst die großen Pflanzen ein, danach die Pflanzenfresser und schließlich der Tyrannosaurus und seine karnivoren Verwandten, während die Entwicklung der Säugetiere jetzt erst so richtig Fahrt aufnimmt. Wenn Sie also das nächste Mal niesen müssen oder Blähungen haben, suchen Sie bitte einen sicheren Ort auf – es könnte Leben retten!


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“