Diese Version sollte eigentlich in der Printausgabe abgedruckt werden. Durch einen redaktionellen Fehler ist dort aber nur eine Arbeitsversion zu lesen. Hier nun also der Directors Cut:

vampirblues

Ist das alles furchtbar! Ich halte das nicht mehr aus! Zwanzig Jahre deutscher Einheit haben aus mir ein Wrack gemacht. Ich bin am Ende. Total im Arsch. Ich hab die Schnauze voll. Tschüss, ich bring mich jetzt um!

Ja, wenn das doch nur so einfach wäre. Bei ihnen ginge das ruck zuck, aber wie, bitte schön, kann sich ein Vampir das Leben nehmen? Soll ich eine berdosis Knoblauchpillen schlucken? Soll ich mich ans Kreuz nageln, oder mit einem Stuhlbein pfählen? Ich merke schon, sie haben keine Ahnung. Sie tun gerade so, als hätte ich das nicht alles längst versucht. Ja sicher, ich bräuchte nur ein Sonnenbad nehmen. Danke für den Tipp! Leider wird daran nur eines deutlich, sie schauen zu viel Fernsehen. Die traurige Wahrheit ist, wir Vampire sind nicht tot zu kriegen. Wie bitte? Dafür müsste ich dankbar sein? Ich sollte nicht jammern, sondern mein ewiges Leben genießen? Aber genau das habe ich ja getan!

Nach dem letzten großen Blutvergießen war auch bei mir Schmalhans Küchenmeister. Was glauben sie, wie froh ich war, als es dann endlich wieder aufwärts ging. Und schon haben mich die Kollegen gefragt: Was machst du denn noch im Osten? Komm rüber, hier sind die Leute alle gut drauf und schön knackig, gepflegt und wohlgenährt! Warum ich dennoch geblieben bin? Weil allein der Geschmack entscheidet! Natürlich habe ich es auch mal probiert. Ich bin nächtelang über den Ku’damm geschlichen, aber die Leute schmeckten plötzlich alle nach Pfefferminz und Coca-Cola und wann immer ich mich über einen schönen Frauenhals neigte, wurde ich fast blind vom 3-Wetter-Taft-Aroma. Wie viel angenehmer war es da des Nachts in Schöneweide einen verschwitzten Schichtarbeiter zu vernaschen. Ich kann ihnen sagen, etwas köstlicheres können sie sich nicht vorstellen. Es gab sie in allen Geschmacksrichtungen – Wodka, Weinbrand, Doppelkorn – und an heißen Tagen war mir auch Bier sehr angenehm. Das Beste allerdings waren die Damen aus der Verwaltung. Das waren leckere Dinger! Die kicherten, wenn ich sie galant umarmte und die schmeckten schon am Vormittag dezent nach von Eierlikör. Gern habe ich mir auch in Künstlerkreisen einen genemigt. Die bulgarische Rotweine gingen denen gut ins Blut und sorgten bei mir für eine wunderbar melancholische Stimmung. Ja, natürlich haben sie Recht. Ich könnte mich auch heutzutage auf Alkoholiker kaprizieren, aber glauben sie mir, das wäre nicht das Selbe. Denn schließlich war mir nicht nur an einer ausgewogenen Ernährung gelegen. Als damals noch die Fabrikschornsteine rauchten, konnte ich selbst an schönen Tagen ohne Hut und Sonnenbrille durch die Wilhelminenhofstraße flanieren. Am Abend ging ich dann zur Arbeit. Als Nachtwächter im KWO konnte man keine großen Sprünge machen, aber ich war ja privilegiert. Für den Urenkel einer Fledermaus hatte die Mauer keine Bedeutung und der Himmel keine Grenzen. So konnte ich nebenbei einen schwunghaften Handel mit Bohnenkaffee, Jeanshosen und Herrenmagazinen aufziehen. Kurzum, als Vampir im Sozialismus hatte man ein bekömmliches Dasein!

Plötzlich waren die schönen Zeiten jedoch vorbei. Hinz und Kunz konnten nun selbst Die Krönung kaufen, das Kabelwerk wurde abgewickelt und obwohl ich einige hundert Jahre aus meinem Lebenslauf gestrichen habe, höre ich seither allenthalben, ich sei zu Alt für einen Job. Unsereiner war nie sonderlich anspruchsvoll. Jahrzehnte lang hauste ich im Keller eines verfallenen Industriegebäudes. Eines Tages hat man mich vor die Tür gesetzt und das ehrwürdige Gemäuer abgerissen. Würfelförmige Wohnresidenzen drängen sich nun an seiner Stelle und heute wohne ich selbst in einer dieser tristen Behausungen. Trotz geschlossener Fensterläden höre ich den ganzen Tag das Geschrei der unerzogenen Nachbarskinder. Schlimmer sind da nur noch meine eigenen Artgenossen. Während ich mich seit Ewigkeiten mit einem altgedienten Kiefernsarg bescheide, brauchen die feinen Damen und Herren aus Blankenese, Baden Baden und vom Tegernsee alle zwei Jahre das neuste Modell: Mahagoni, Hochglanz poliert, mit protzigen Goldbeschlägen. Unter dem geht gar nichts. Bei unserem letztes Klassentreffen machten Fotos die Runde – meine Frau, mein Leichenwagen, meine Feriengruft am Mittelmeer. Zudem waren alle bemüht, sich gegenseitig mit ihren prominenten Zwischenmahlzeiten zu übertrumpfen. Einer prahlte, er hätte einst die Callas gebissen, andere schwärmten vom herzhaften Howard Carpendale. So ging das den ganzen Abend. Am Ende behauptete jemand, er hätte kürzlich unseren Außenminister angezapft. Da haben wir alle herzlich gelacht, denn der ist doch längst einer von uns.

Aber warum erzähle ich das alles? Sie können mir ja auch nicht weiterhelfen. Allerdings, wenn ich es recht bedenke… selbst wenn sie so ein Kalorienreduzierter Dauerjogger oder eine dieser ernährungsbewussten Bio-Mütter wären, könnte ich sie doch mal durch eine stille Vollmondnacht begleiten. In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen.


Sebastian Köpcke

Ein Beitrag von Sebastian Köpcke

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“