Ein leichtes Schwert

Ein Gespräch mit Judith Holofernes über guten Flow, den Schreibplatz auf dem Trampolin, Patreons und das bedingungslose Grundeinkommen.
„Müssen nur wollen“ war einer der großen Hits der Berliner Band „Wir sind Helden.“ Diese Zeile sagt viel aus darüber, dass der eigene Wille zählt und der eigene Wille immer wieder gestärkt werden muss: im Leben, in der Liebe und in der Kunst. Nur drei Alben brauchte die vierköpfige Band um Judith Holofernes, um in den Kreis der erfolgreichsten deutschen Bands aufgenommen zu werden. Die Bandmitglieder haben immer wichtige Botschaften vermittelt wie die, dass gute Musik nie oberflächlich ist oder dass Künstler keine Produkte sind. 2012 löste sich die Band auf, es folgten drei Soloalben von Judith Holofernes.
Judith Holofernes
Foto Marco Sensche
  Bevor wir beginnen, liebe Judith, etwas Organisatorisches: Kommst Du mit Deinem tierischen Gedichtband „Du bellst vor dem falschen Baum“ nach Friedrichshagen? Das würde ich sehr gern, doch ich bin eigentlich gerade gar nicht da… Wo bist Du? Ich schreibe gerade ein Buch und das wird noch mindestens ein halbes Jahr dauern. Ich will jeden Tag drei bis vier Stunden arbeiten. Wenn es gut läuft, sind es auch sechs Stunden. Woher kommt die Buch-Idee? Von meinen „Patrons“. Der Name ist Programm: Das sind Deine Unterstützer, Deine Fans? Es sind schon mehr als meine Fans, es ist so der aller engste Kreis. Meine „Patrons“ bekommen von mir schon seit geraumer Zeit autobiografische Essays, die am Anfang nur für sie gedacht waren. Sie haben mich nun aber überredet, dass das ein Buch werden soll.  „Patreon“ ist eine Plattform für Künstler und Kreative. Und ihre Fans. Mit einem monatlichen Mitgliedsbeitrag als Patreon verbindet man sich direkt mit Lieblingskünstlern und gibt Impulse und Tipps und bekommt dies auch. Deine „Patrons“ sind Leute, die Dich und das, was Du tust, lieben und dafür Geld bezahlen. Von dieser Bühne des Austausches hast Du von Amanda Palmer erfahren… Genau. Ich war erst Fan von Amanda Palmer. Sie hat einen Talk gemacht, der hieß: „The art of asking“. Und da hat sie über ihre Erfahrung mit Crowdfunding gesprochen und darüber, worüber wir gerade sprachen und ich war völlig entflammt. Ich sah das und dachte: sie spricht mir so aus der Seele. Dann schrieb sie ein Buch zum Thema „Die Kunst des Bittens“ und es war total schön und faszinierend. Es berührt die ganzen Punkte: wie Kunst funktioniert und was sie im Wesen eigentlich ist, wie das clasht und wie das eigentlich nicht aufgeht. Am Ende funktioniert „Patreon“ wie der Straßenkünstler, der seine Gage von den Passanten in den Hut spielt… Genau. Ein halbes Jahr vor Corona habe ich mit dem Projekt begonnen. Dadurch war mir in den letzten Monaten nie langweilig. Mein Computer war mein Wohnzimmer. Ich hatte unheimlich viel Austausch mit meinen Patrons. Ich inspiriere und werde inspiriert. Der Flow zum Schreiben eines Buches, die Muße, ist ja nicht jeden Tag gegeben… Ich kann den Flow inzwischen ganz gut mit viel Übung herstellen.  Wie machst Du das? Da gehört dazu, dass ich an Tagen, an denen mir das Schreiben nicht gelingt, meine Steuer mache, also Plan B oder C. Ich gucke schon sehr, was geht. Ich habe ein paar Tricks, was mich in Schreiblaune bringt. Zum Beispiel höre ich Podcasts über das Schreiben, von Autoren, die ich total inspirierend finde. Meistens funktioniert das so: ich mache Hausarbeit, höre nebenher den Podcast und danach bin ich meist voll in dem Modus: Schreiben ist das Tollste. Und jetzt ich! Du holst Dir also positive Reize? Das ist ja ein Vermögen: wie inspiriere ich mich sofort, augenblicklich und selbst… Ja. Kalt duschen, schöne Sachen hören, die mit Schreiben zu tun haben, etwas Lesen, was mich inspiriert oder durch die Wohnung tanzen. Ich gehe auch viel spazieren und dabei diktiere ich auch viel. Und guck doch mal meinen Arbeitsplatz an! Ein Trampolin? Pass auf! Ich stehe hier, habe vor mir meinen Laptop und wenn ich nachdenke, hüpfe ich auf meinem Trampolin. Ich kann z.B. auch das Gewicht verlagern. Viele Künstler haben nachts die besten Einfälle und müssen sie aufschreiben. Dafür habe ich einen beleuchteten Stift. Nein! Ich habe doch einen Kreativitäts-Podcast. Da gebe ich auch solche Tipps. Wie kannst Du diese Strenge, also täglich am Buch zu arbeiten, als Mutter zweier Teenager und Künstlerin durchhalten? Out of order? Geht das mit Kindern überhaupt? Das geht nicht, doch wenigstens habe ich keine anderen beruflichen Ablenkungen. Und wenn die Kinder in der Schule sind, nutze ich diese Zeit. Ich bin auch froh, dass ich gerade nicht ans Veröffentlichen denken muss. Weil Du keinen Zeitdruck hast? Genau. Den habe ich wegen der „Patrons“ nicht. Ich bekomme keinen Vorschuss. Ich habe niemanden, der wartet. Das einzige, was ich mache ist, meine „Patrons“ vor mich hin zu amüsieren. Du hast auch den „Salon Holofernes“ ins Leben gerufen, einen Podcast zum Mithören wie Hörkino. Du sprichst da mit bekannten und erfolgreichen Menschen. 2018 habe ich meinen ersten Salon im Sommer mit Andreas Dresen aufgenommen und im Herbst habe ich ihn gesendet. Ein paar Sachen habe ich auch voraufgezeichnet, weil ich mit Kindern gelernt habe, dass es gut ist, ein paar Sachen auf Halde zu haben, damit ich nicht in Druck komme. Und nun kam 2020 Corona… Ja ich wollte warten, bis ich wieder mit den Leuten live reden kann... Doch jetzt mache ich alles mit „zoom“. Ich kann so auch mit Leuten auf den Färöer Inseln sprechen. Dennoch finde ich es schade, denn live ist immer besser. Dann sitzen wir hier in meiner Arbeitswohnung. Bei „zoom“ kann man nicht so die Feinheiten rausarbeiten und man muss sich mehr konzentrieren. Ich habe zwar ein Bild, auch wenn ich es nicht veröffentliche. Dennoch ist immer irgendetwas mit der Technik. Das hast Du live einfach nicht. Warum als Podcast? Du hättest es ja auch als Film machen können? Wolltest Du unabhängig sein? Ja. Und es ist auch unkomplizierter. Ich bevorzuge seit Jahren immer schon alles, was ein leichtes Schwert (auch der Name des zweiten Solo-Albums) ist. Möglichst wenig Gepäck, das Unabhängigkeit mit sich bringt. Und ich habe ja selbst schon so viele Interviews gegeben im Laufe meines Lebens, dass ich einen Blick dafür habe, was für die Leute, also meine Interviewpartner angenehm ist. Ich sage auch viel eher ein Interview zu, wenn keine Kamera dabei ist. Die Gespräche werden viel entspannter. Man muss nicht immerzu darauf achten, wie man gerade aussieht. Mein Mann schaut Podcasts im Internet immer nur mit Bild. Selbst wenn ich eins habe, stecke ich es mir in die Tasche und laufe damit. Es regt ja viel mehr die Phantasie an… Auch das Gefühl, dabei sein zu können, ist ohne Bild stärker. Als könnten die Zuhörer sich einfach dazusetzen. Ich habe jetzt eine Folge mit Mark Forster. Und auch meine Mutter war schon meine Interviewpartnerin als Übersetzerin. Und ich habe genau so eine intime Situation mit Mark Forster wie mit meiner Mutter, wenn ich mit ihr am Telefon spreche. Der Salon wird auch von Deinen „Patrons“ finanziert. Doch hören können ihn alle. Ja das muss man unterscheiden. Meine Patrons, die den Salon finanzieren, bekommen andere Bonusse dafür wie VIPs. Vor allem finde ich es schön, meinen Fans zu sagen, dass sie mir helfen können, so zu leben wie ich leben möchte. Klar kann ich das anders machen, könnte Klicks und Plays und Likes hinterher sein und damit beschäftigt sein, Judith Holofernes darzustellen und möglichst vielen Leuten vage sympathisch zu sein. Das ist das, was der Pop will: möglichst viele Leute ein kleines bisschen zu erreichen.  Dass Du gefällst… Ja aber gerade genug. Es geht gar nicht um die Tiefe der Verbindung. Geben und Nehmen ist die Lösung. Ja und es ist auch total schön für mich, denn ich bin ja auch Patronin von anderen Menschen, anderen Künstlern. Ich gebe einen Teil meines Geldes weiter an Amanda Palmer, von der ich Patronin bin oder an Kate Nash. Und ich kann aus eigener Anschauung sagen: das macht viel mehr Spaß als Konsument zu sein. Das ist eine ganz andere Rolle, wenn Du das Gefühl hast: ich bin Unterstützer, ich ermögliche das. Es geht auch um Qualität. Und um dieses transaktionelle Denken: ich gebe das und dafür muss ich genau den Gegenwert bekommen. Das findet da eben nicht statt. Die Leute bei „Patreon“ bezahlen das, was sie bezahlen können. Sie geben, was sie haben und wollen einfach dabei sein.  Da ist es wieder: dieses gute Gefühl, dabei zu sein. Ja, sich wirklich zu verbinden und irgendwie Kunst wertzuschätzen. Weil: wer hat das festgelegt, dass sich Musik in Cent-Beträgen bemisst und andere Kunstformen ganz anders? Dies gilt ja für alle Leistungen. Ich glaube, dass man von dem Leistungsthema auch wegkommen muss. Leistungsdruck ist ja überall. Vielleicht sind Deine „Patrons“ auch Deine Unterstützer, weil sie Dich einfach mögen… Ja und weil sie auch Dankbarkeit ausdrücken wollen. Sie sagen: „Das bedeutet mir seit Jahren sehr viel, was Du da machst und ich freue mich, dass ich das ausdrücken kann. Früher, wenn ich CDs nach dem Konzert signiert habe, kamen Leute zu mir, die sagten: Ich kaufe keine CDS mehr, ich habe nicht mal mehr ein Laufwerk. Ich würde Dich gern unterstützen, aber ich habe gar keinen Weg mehr. Wie kann ich Dir Liebe zurückgeben, wenn ich Deinen Song auf Spotify habe? Ich habe keinen Kanal für meine Liebe.“ Das ist für beide Seiten sehr unbefriedigend. Und bei mir ist es so: meine „Patrons“ sind ab dem ersten Moment dabei. Sie sehen und begleiten den Prozess. Und das Ergebnis. Für mich ist Kunst immer in erster Linie ein Kanal für Inspiration. Und auf „Patreon“ wird das einfach direkter. Der Austausch rückt plötzlich ins Zentrum. Alles ist große Kunst. Das muss man auch trainieren und vor allem: mit Liebe tun. Ja. Klar. Ich bin da mit Leuten zusammen und wir reden über kreatives Arbeiten. Da bekomme ich auch total viele Rückmeldungen, dass Leute sagen: „Ich wäre auch so gerne kreativ.“ Und da denke ich immer: mach es erstens und guck erstmal, wo Du schon kreativ bist. Denn ob Du nun einen Garten schön gestaltest oder Dir besonders viel Mühe gibst beim Beschenken Deiner Freunde oder Partys schmeißt, die besonders schön sind für Deine Gäste, was auch immer: da steckt überall Kreativität drin. Tim Raue war ebenfalls Gast in Deinem „Salon Holofernes“. Denn das Kochen ist auch eine Kunst. So kann alles zur Kunst werden. Je mehr Liebe und Innovation man reinsteckt. Und Aufmerksamkeit. Die herkömmliche Definition von Kunst, es gäbe darstellende und bildende Kunst, greift ja viel zu kurz…Du hattest einen Kochkünstler zu Gast und einen Regisseur… Auch die Übersetzungskunst meiner Mutter gehört dazu. Was für mich spannend ist, weswegen ich angefangen habe mit dem Podcast: Ich frage einen Künstler aus, den ich nicht so kenne und der einen künstlerischen Beruf hat und ich versuche immer, die Verwandtschaft herauszufinden, wie funktioniert das und was haben sie für Hindernisse, die ich auch kenne und was haben sie für Tricks, die auch mir nützen können. Ich suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden und ich dachte: das interessiert nicht nur mich. Der Kochkünstler und der Regisseur stellen sich ähnliche Fragen zu ihrem Leben und Beruf und haben tatsächlich auch ähnliche Lösungen. Das ist total faszinierend. Du merkst am Ende auch, dass es darauf ankommt: dass man seinen Beruf liebt und das man am Monatsende, wie alle, seine Miete bezahlen kann. Und doch ist es für einen Dichter schwieriger. Und ausgerechnet Dein erstes Buch ist ein Buch mit Tiergedichten… Naja, ich hatte eine gute Startposition. Wir haben gerade kurz das Thema Geld gestreift. Du hast 12 Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Glücksfee verlost. Was überzeugt Dich hier? Ich bin fest davon überzeugt, dass existentielle Not und auch die Entwürdigungen und Entwertungen durch Hartz IV niemals zu guten Ideen oder zu nachhaltigen Lebenskonzepten führen werden und denjenigen oder die Welt besonders weiterbringt. Ich weiß aber aus meiner Anschauung - und es geht ja nicht um Unsummen, sondern um einen Sockel-, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Leute befähigt, das umzusetzen, was sie an Ideen schon hatten, die für die Allgemeinheit viel nützlicher sind als der Job, den sie vom Arbeitsamt aufs Auge gedrückt bekamen. Damit sind ja auch alle ihre Energien oder auch in der Bürokratie gebunden. Eine gewisse finanzielle Freiheit bringt nicht nur für Kreative, sondern für alle Berufe mehr Zeit, um Dinge und Projekte von echtem Wert zu entwickeln. Nicht erst seit Corona zeigt sich, welchen Wert die Gesellschaft der Kunst einräumt. Durch Corona wird das schmerzlich sichtbar. Es wird an die Oberfläche gebracht, was da an Unstimmigkeiten ist, in der Bildungs- und Gesundheitspolitik oder in der Kunst. Ich glaube, dass das Grundeinkommen nicht nur für die Künstler ein Segen sein wird, sondern für die ganze Gesellschaft. Ich glaube, wir müssen davon wegkommen, den Wert von Arbeit so zu bemessen wie wir es bisher gemacht haben. Man kann ja nicht sagen, dass sich bisher der Wert an Arbeit am Nutzen für die Gesellschaft orientiert. Und ich glaube, dass das Grundeinkommen demokratisieren würde. Dass dann unheimlich viele Leute sagen: „Moment, da mache ich jetzt wirklich einen wertvollen Beruf wie zum Beispiel Altenpflege anstatt ins Büro zu gehen oder in die Fertigung, weil ich so nicht über die Runden komme, weil ein Beruf in der Autobranche höher be“lohn“t wird.“ Denn man muss sich fragen: was ist wirklich wertvolle Arbeit? Was sind echte Werte? Na ich bewerte meine Kunst daran, wie viel Freude sie mir macht, also das spontane Entzücken an dem, was einem selber gerade eingefallen ist. Und zweitens, was es in den Leuten auslöst und wie viel es ihnen bedeutet. Dass Kunst Trost sein kann und Unterstützung und „sich gesehen“ fühlen. Kunst hat einen unheimlich hohen Wert für die Psyche und die Gesundheit. Dass man sich gespiegelt fühlt von anderen Leuten, dass man sich aufgehoben, zugehörig, verstanden fühlt. Das ist ja nichts, was man einfach so konsumiert, sondern man geht damit in Resonanz. Man fühlt sich verbunden.  

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