Christine Gebhardt, Kirstin Fischer und Heiko Lehmann haben genaue Vorstellungen, wie eine Schule sein sollte: offen, kindgerecht, individuell. Schon im nächsten Schuljahr sollen die Visionen der Mitglieder des Gründungsvereins Evangelische Grundschule Friedrichshagen Wirklichkeit werden. Ihre offene Ganztagsschule wird unter der Trägerschaft der Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin- Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) stehen und soll in die Räume der Alten Gießerei einziehen. Maulbeerblatt hat die drei Mitglieder des Gründungsvereins getroffen und zu ihren Plänen befragt.

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Schulgründer Christine Gebhardt, Kirstin Fischer und Heiko Lehmann

MB: Warum wollen Sie in Friedrichshagen eine evangelische Grundschule gründen?

Lehmann: Die Schulszene in der gesamten Region kann freie Angebote vertragen. Wir wollen ein eigenes Angebot beisteuern, um die Palette zu erweitern und unsere pezielle Klangfarbe da rein zu bringen.
MB: Die Schule soll auf drei Säulen stehen: Sie soll christlich, gemeinschaftlich-sozial und reformpädagogisch werden. Was wird denn das Besondere sein?
Lehmann:
 Es sind eigentlich genau diese drei Linien, die wir mit der erfahrenen Pädagogin Annerose Fromke ausgearbeitet haben. Und wir wollen Projektwochen durchführen. Wenn es auf Weihnachten zugeht, beispielsweise künstlerisch-musische. 
Gebhardt:
 Zu Ostern ist es religiös-philosophisch, im Sommer ist es ein naturwissenschaftlich-technisches Thema, wo die Kleinen verschiedene Blumen sammeln und die Großen sich mit Sonne und Solarenergie befassen. Die Projektwochen werden mit einem gemeinschaftlichen Fest oder einem offenen Projekttag beendet, wo wir die Gemeinde und Friedrichshagen einbeziehen wollen. Wir haben die Idee, dass die Schule sich öffnet. 
MB:
 Neben der Jahresrhythmisierung soll ja auch der Tag anders strukturiert werden.
Lehmann: Es soll nicht nach 45 Minuten klingeln und alle müssen aufhören. Wenn ich Reformpädagogik richtig verstanden habe, ist das etwas, was wirklich schlimm ist. Es gibt auch morgens eine flexible Bringezeit. Dann kann man sich aufwärmen für den Schultag. Fischer: Wir sind alle unterschiedlich und wollen nicht alle zur selben Zeit das „L“ schreiben können, sondern jeder nach seinen Fähigkeiten und nach dem, was ihm der liebe Gott mitgegeben hat. 
MB:
 Wird es denn Noten geben? 
Gebhardt:
 Wir haben die Option drin. Wenn Eltern kommen und sagen: Das ist ja alles schön und gut, aber wo steht denn nun mein Kind? Dann übersetzen wir ihnen das in eine Note.
Lehmann: In den oberen Klassen muss man nach den Berliner Rahmenplänen Noten geben. 
MB:
 Wie soll der Unterschied zwischen Evolutionslehre und christlichem Schöpfungsglaube vermittelt werden?
Gebhardt: Dazu gibt es eine sehr schöne Aussage: „Die Biologie erklärt das Leben und die Religion beantwortet die Frage nach dem Sinn des Lebens.“ Insofern wird natürlich Darwin unterrichtet. Die Kinder lernen im Religionsunterricht auch die Schöpfungsgschichte kennen, aber nicht als Alternative zu Darwin, sondern als völlig anderen Zugang.
MB: Dürfen auch konfessionslose Kinder oder Kinder anderer Konfessionen die Schule besuchen?
Lehmann: Unbedingt, klar. Die Schule ist für alle offen 
MB:
 Wie viele Voranmeldungen gibt es denn schon?
Fischer: 40.
MB: Nach welchen Kriterien wollen Sie auswählen?
Lehmann: Wir wählen nicht aus, das wird die zukünftige Schulleitung machen.
Gebhardt: Wir würden uns wünschen, dass die Kinder unserer Gemeinde die Schule besuchen können. Letztlich gründen wir die Schule für sie.
MB: Evangelische Schulen vertreten häufig den Anspruch, besonders gute Schulen zu sein. Inwieweit soll Leistung eine Rolle an der evangelischen Grundschule spielen?
Lehmann: Ein Kind ist nicht dann gut, wenn es viel leistet. Der Wertmaßstab ist ein anderer. 
Gebhardt:
 Wenn die Schule so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann fördert sie jedes Kind optimal. Dann ist es so, dass die Kinder das leisten, was sie leisten können, ohne besonders unter Druck oder Leistungsstress gesetzt zu werden.
MB: Müssten nicht gerade die Christen die Gemeinschaft unterstützen und ihre Kinder in die staatlichen Grundschulen schicken?
Gebhardt: Unsere Kinder sind ja keine Missionare.
Lehmann: Die Grundschulen hier stellen den Lebenskundeunterricht in den Mittelpunkt und wollen den Kindern beibringen, wie man ohne Gott glücklich wird. Wenn das für die Gemeinschaft steht, möchte ich das Recht wahrnehmen, dass ich mich separieren darf. Dann wollen wir unseren Kindern das anders anbieten.
MB: Für die Schule ist ein monatliches Schulgeld zwischen 45 und 150€ je nach Einkommen zu zahlen. Werden damit Kinder von der Bildung ausgeschlossen? 
Gebhardt:
 45€ sind knapp 30 % vom Kindergeld, die man in Bildung investiert.
Lehmann: Es gibt die Möglichkeit, sich vom Schulgeld befreien zu lassen. Da ist kein sozialer Filter eingebaut.
MB: Wo sehen Sie Ihre Aufgaben als Gründungsinitiative?
Lehmann: Wir gehen mit der Machete durch den Urwald und bahnen den Weg. Wir müssen gucken, dass das Ding abhebt. Und ganz langweilig: Knete. Das Geld für die Dinge zu beschaffen, die in der Schule Spaß machen, das sehen wir als unsere Aufgabe an. Die Schule wird sich mit Zuweisungen vom Land Berlin finanzieren. Das sind aber die reinen Personalaufwendungen. Davon kann man noch keinen schönen Unterricht machen.
MB:
 Können Interessierte noch im Verein mitarbeiten?
Lehmann: Natürlich. Wir müssen Interesse und Breitenwirksamkeit nachweisen. Jede Anmeldung zur Schule und jeder Beitritt zum Verein hilft uns.
MB: Was ist Ihre Motivation, neben Beruf und Kindererziehung Zeit in ein solches Vorhaben zu stecken?
Fischer: Das rührt einfach aus meinem Verständnis als Protestantin. Diese Schule ist für mich die Konsequenz aus der Gemeinde und dem Kindergarten.
MB: Vielen Dank für das Gespräch


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."