Yoga1

Wenn ich an einem für mich ruhigeren Tag durch die niemals stillstehende Hauptstadt Deutschlands gondele und dabei das bunte Treiben beobachte, muss ich oft unwillkürlich schmunzeln.So viele Menschen mit unterschiedlichen Kleidungsstilen, Musikgeschmäckern, Tagesrhythmen, Lieblingsgerichten, Weltanschauungen und dergleichen mehr! Die Vorteile der Globalisierung lassen sich beileibe nicht darauf beschränken, dass es jetzt überall Bananen und McDonald’s gibt. Mitnichten! Vielmehr kommt man als Bürger von Welt leichter den je mit anderen Kulturen und Lebensphilosophien in Kontakt, die den eigenen Horizont erweitern oder Menschen dazu bewegen, unter Umständen gleich komplett neue Wege einzuschlagen.

Beispielsweise ist eine Freundin von mir seit diesem Jahr begeisterte Yoga-Anhängerin. Als gebürtiger Brandenburger, dessen Erziehung in spirituellen Fragen und der esoterischen Lehre zumindest stets ausbaufähig war, nahm ich mir auf ihr Anraten hin vor, mich wenigstens in einer Art Schnupperkurs über diese indische Philosophie zu informieren. Und was ich da hörte, klang gar nicht mal schlecht. Ziel sei es, den Menschen vom Gebunden sein an die Last der Körperlichkeit zu befreien. Wunderbar! Wie oft erschien mir meine physische Existenz als allzu schwaches oder gar hinderliches Konstrukt biologisch abbaubarer Stoffe, welchem ich in so manchen Situationen nur zu gern entflohen wäre. Beim Bockspringen in der dritten Klasse zum Beispiel. Oder bei so mancher Fahrt in einer überfüllten S-Bahn. Oft auch war mein Geist willig, aber mein Fleisch leider schwach. Aber halt, unterbrach mich meine Freundin. Es geht nicht darum, den eigenen Körper zu überwinden oder sonst irgendwie hinter sich zu lassen. Stattdessen ist das Einswerden der menschlichen Hülle mit der Seele die oberste Maxime. Das Wort Yoga kommt nicht zuletzt vom Alt-Indischen yuga, was soviel wie Joch bedeutet. Yoga beschreibt also frei übersetzt die Möglichkeit, seinen Körper endlich vollständig zu unterjochen und mit seinem Geist die totale Kontrolle zu übernehmen. Wieder ertönte der Einspruch meiner Freundin. Dennoch verstand ich schon bedeutend besser. Was das Ganze etwas leichter macht, ist der Umstand, dass dieses Einswerden auf vielerlei Wegen geschehen kann. Es gibt nicht DIE Anleitung wie bei einem IKEA-Regal.

Vergleichbar sind die verschiedensten Formen eher mit einem ausdifferenzierten Verkehrsnetz. Einige Anhänger fahren bevorzugt Autobahn, andere genießen das entspannte Tempo einer verkehrsberuhigten Zone. Mit anderen Worten: Yoga umfasst eine ganze Reihe von geistigen wie körperlichen Übungen. Manche setzen auf die gezielte sportliche Belastung, wiederum andere üben sich in Askese. Was die sportliche Askese angeht, habe ich mich auf diesem Gebiet fast bis zur Perfektion weiterentwickelt. Experten unterscheiden beim Yoga unter anderem zwischen Yama, Niyama und Pranayama. Zu meiner Enttäuschung zählt der Pyjama nicht zu den offiziellen Ausprägungen der Lehre und wird allenfalls in westlich geprägten Ländern praktiziert. Kulturwissenschaftler kritisieren genau solche Aufweichungen von historisch gewachsenen Traditionen und Gebräuchen. Insbesondere dann, wenn in den Prenzlauer Bergen dieser Welt daraus nur Profit geschlagen werden soll. Andererseits lebt die menschliche Kultur seit jeher von ihren wechselseitigen Einflüssen und dem Austausch. Und solange die angestrebte Selbsterkenntnis wächst, dürften alle zufrieden sein. Schließlich ist es auch eine Erkenntnis zu wissen, was man im Leben braucht – und was nicht.


Daniel Lehmann

Ein Beitrag von Daniel Lehmann

Sieht sich selbst gern als Hobby-Philosoph und Möchtegern-Weltverbesserer, ist offiziell aber eher als freischaffender Journalist und Autor unterwegs. Irgendwas mit Kultur studiert er auch noch. Zitat: „Lieber den Spatz in der Hand als ein Griff ins Klo.“