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Das Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz

Da fehlen einem die Worte. Wie furchtbar, oh wie schade! Da steht es nun, das Bauwerk dieses Jahres, mittendrin. In Anlehnung an die Bauten der Jahrhundertwende (der vorletzten) und farblich zur Unscheinbarkeit maskiert, verschmilzt es auf diese Weise beinahe mit dem höchsten Haus hier im Ort. Das neu errichtete Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz könnte nahezu überall stehen, in Straußberg, Peine oder auch Bad Berka. Es ist beliebig. Zum Markt hin zeigt sich das Gebäude unaufgeregt mit einer müden Fassade. Es scheint, als habe man sich zusammen mit dem Computer auf ein Rastermaß geeinigt und so reiht sich in monotoner Gestalt Fenster an Fenster. Ob nun mit oder ohne Stichbogen. Die um eine handbreit hervorstehenden Erker sind als Betonung der Senkrechten kaum wahrnehmbar, da auch hier das Rastermaß der Fenster einfach weitergeht. Und die mit winzigsten Gauben zugetüpfelte Dachfläche setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Im Wortsinne rücksichtslos erscheinen die seitlichen und hinteren Gebäudeteile. Sie vermitteln einem den Eindruck, als hätte sich hier ein riesiges Etwas einfach draufgesetzt. Architektur ohne Feinsinn und Gespür für ihr Umfeld, ohne jeglichen Zauber, der diesem Ort an so prägnanter Stelle zugestanden hätte.

Aufgrund seines einzigartigen Charakters wurde Friedrichshagen 1991 in das Bund-Länder-Programm Städtebaulicher Denkmalschutz aufgenommen. Um sicherzustellen, dass schützenswerte Gebäude baualtergerecht behandelt werden und Neubauten sich maßstäblich und gestalterisch in das Gefüge des Ortes einordnen, wurde 1993 die Verordnung über die Erhaltung baulicher Anlagen und der städtebaulichen Eigenart des Gebietes Friedrichshagen mit ihren charakteristischen Bauformen und Nutzungsstrukturen rechtskräftig. Der Geltungsbereich der Verordnung umfasst u. a. die Bölschestraße und die Aßmannstraße. Der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses liegt im Teilbereich A1, der zusätzlich als Denkmalensemble geschützt ist. Mit der Erhaltungsverordnung wurden Genehmigungsvorbehalte und -pflichten über den Abbruch, die Änderung, die Nutzungsänderung und die Errichtung baulicher Anlagen geschaffen.

Wie aber sahen die Vorbehalte und Pflichten für den Bauherrn des Wohn- und Geschäftshauses am Marktplatz seitens des Stadtplanungsamtes einschließlich der Unteren Denkmalschutzbehörde aus? Eine Dachlandschaft war wichtig. Zudem stehende Fensterformate. Die Schaufenster sollten abwechslungsreich gestaltet werden. Die Gebäudehöhe und die Dimension wurden vorgegeben, ebenso die Nutzung als Wohn- und Geschäftshaus. Die ursprüngliche Parzellenstruktur sollte ablesbar bleiben und tendenziell wurde eher die Moderne verfolgt, als das nachträglich Historisierende. Auf die Gewerbestruktur habe man keinen Einfluss nehmen können und die Fassadenansichten zeigen die Sprache des Architekten.

Sehr viel mehr Informationen hierzu werden nicht preisgegeben und die Vermutung liegt nahe, dass es auch nicht mehr preiszugeben gibt. Die Vorgaben zur Materialienauswahl sind dürftig. Hierbei geht es um Bleche, die in handwerklicher Ausführung gefertigt wurden. Mehr ist nicht zu vernehmen. Doch wäre nicht gerade Friedrichshagen ein Ort für weitere handwerkliche und somit auch traditionelle und im Hinblick auf Klimadiskussionen auch innovative Denkansätze? Wie sieht es aus mit natürlichen Baumaterialien wie Stein, Ziegel, Holz und auch Lehm? Einen Kran hätte man sich dabei sparen können. Und dass das Stadtplanungsamt keinen Einfluss nehmen konnte auf die Gewerbestruktur, ist grotesk: Es hätte Einfluss nehmen müssen! Das hier ist Erhaltungsgebiet und dafür gibt es eine Satzung. Doch wenn man sie nicht anwendet, dann braucht man sie wohl gar nicht. Wie viel Mühe, wie viel Arbeit, wie viel Zeit und vor allem auch Geld mag wohl investiert worden sein, um die Erhaltungssatzung für Friedrichshagen festzuschreiben? Um festzustellen, dass der Charakter hier einzigartig ist? Da heißt es doch vor allem auch, Neubauten sollen sich maßstäblich in das Gefüge des Ortes einordnen. Das Gefüge des Ortes besteht aus kleingewerblichen Strukturen. Hier an dieser Stelle hätte man in jedem Fall die Grundrissstruktur der Gewerberäume denen des Ortes anpassen müssen. Ein kleinteiliger, differenzierter Umgang mit der gesamten Architektur hätte kaum Platz geboten für einen Rossmann in den Dimensionen vergleichbar mit denen an der Friedrichstraße und für Mäc Geiz und kik, die man eigentlich eher im A 10 Center vermutet. Der Marktplatz ist ein öffentlicher Platz, vielleicht kann er zukünftig auch für das Parken der Automobile genutzt werden, passen würde das jetzt schon, rein optisch jedenfalls. Das mit der Erhaltungsverordnung ist ja schon eine Weile her und so richtig etwas damit anfangen kann man wohl nicht. Jeder Bau repräsentiert den Geist seiner Zeit – oder zumindest den seines Bauherrn und Architekten.

In diesem Fall auch den der Stadtherren. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden sichtbar und für jeden erkennbar. Der Bezirk hat Fördermittel zur Aufbereitung des Marktplatzes und der Bauherr hat finanzielle Möglichkeiten, die Platzkante baulich-räumlich wieder zu schließen. Das war es schon. Die Philosophie, die hinter diesem Bauwerk steht, ist ablesbar auf der Internetseite des zuständigen Architekten Frank Stüven. „ Unser motiviertes und erfahrenes Team gewährleistet eine ganzheitliche technisch-kaufmännische Projektbetreuung und stellt dabei jederzeit sicher, dass alle Projektbeteiligten zielgerichtet und im Sinne des Auftraggebers agieren. Ziel ist es für uns, stets ein Ergebnis zu erreichen, welches optimal auf die Bedürfnisse des Bauherrn zugeschnitten ist.“ Kein Wort zur Architektur, keines zur Ästhetik, Gestaltung, Anmut oder zum Geist des Ortes, an dem man baut. Hier geht es einzig darum, Geschäfte zu machen, ohne großartig aufzufallen. Dieses Wohn- und Geschäftshaus, das so tut, als sei es von gestern, ist eigentlich nur eine schlechte Kopie, die weder an der Vergangenheit inte-ressiert ist noch am Lebensgefühl der Gegenwart. Es profitiert von den historischen Gebäuden, von dem Geist des Ortes, ohne selbst etwas von Wert hinzuzufügen. Kein eigener Ausdruck, kein Impuls aus dem Hier und Jetzt.

Den Stadtherren und allen am Bauen Beteiligten hier in Friedrichshagen ist zu wünschen, nicht nur die ewig gleichen Möglichkeiten zu bedenken, sondern einen Schritt weiter zu gehen. Grenzen zu überschreiten, um das Leben in diesem Ort mit mehr Mut, Offenheit und Neugier in Bewegung zu bringen. Nicht nur auf gewöhnliche Art und Weise, sondern anspruchsvoll und mit unverwechselbarem Charme. Eben einzigartig.