Frauen mit Flügeln
„Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“ Fliegerinnen in Berlin und Brandenburg.

Pilotinnen in Flugzeugcockpits waren in den Aufstiegsjahren der Luftfahrt eine Ausnahme. Am 8. März 1910 legte die damals 23-jährige Französin Raymonde de Laroche als erste Frau der Welt die Pilotenprüfung ab. Hélène Dutrieu, Tochter eines belgischen Offiziers, flog am 19. April 1910 als erste Erdenbürgerin einen Passagier und war im Folgejahr die erste Frau, die mit ihrer Maschine über eine Stunde ununterbrochen flog.

Noch im Jahr 1925 verabschiedete die deutsche Regierung eine Resolution der Internationalen Kommission für Flugnavigation, die bestimmte, dass die Betätigung in der kommerziellen Luftfahrt ausschließlich Männern erlaubt war. Ungeachtet dessen erwarben nach 1920 dutzende junger Frauen in den Flugschulen der Deutschen Luftfahrt GmbH einen Flugschein und hunderte Frauen waren als Segelfliegerinnen aktiv.

Melli Beese posiert auf ihrer Maschine
Die Flugpionierin Amelie Hedwig Boutard-Beese /// Foto: Archiv

Am Himmel über Berlin

Am Himmel über Berlin und Brandenburg waren Frauen als Pilotinnen in Flugzeugen bald keine Seltenheit mehr. Einige der bekanntesten Fliegerinnen waren hier aktiv, und die 1920 gegründete Deutsche Hochschule für Leibesübungen in Berlin bot ab den 30er Jahren einen Segelflugkurs für Flugstudentinnen an, dessen Anwärterinnen nach erfolgreicher Teilnahme mit dem Prädikat „A-Pilotin“ ausgezeichnet wurden.

Die unter dem Rufnamen Melli Beese berühmt gewordene Amelie Hedwig Boutard-Beese war 1886 in Dresden geboren worden. Als erste deutsche Frau erwarb die Tochter eines vermögenden Architekten auf dem Flugplatz Johannisthal den Privatpilotenschein, nachdem sie von mehreren Fluggesellschaften als Schülerin abgelehnt worden war.

Nach einem Unfall während eines Übungsflugs wurde Melli Beese mit Morphin behandelt und blieb ihr Leben lang süchtig nach dem Opiat. An ihrem 25. Geburtstag, dem 13. September 1911, legte Melli Beese ihre Prüfung mit der Rumpler-Taube ab und war fortan stolze Besitzerin der Flugzeugführerlizenz Nummer 115. Während ihrer Karriere konnte die Pilotin einige Rekorde aufstellen: 1911 erreichte sie mit einer Flughöhe von 825 Metern den Höhen-Passagier-Weltrekord der Pilotinnen, später sogar den Dauerweltrekord mit Passagier für Frauen.

Melli Beese wurde noch berühmter durch ihre Heirat mit dem populären französischen Piloten Charles Boutard. In Johannisthal betrieben die beiden die „Flugschule Melli Beese GmbH“. Der Ersten Weltkrieg stellte einen Wendepunkt im Leben des Paars dar: Charles Boutard wurde verhaftet, und Melli Beese der Flugschein entzogen. Die tragischen Ereignisse trieben Beese in den finanziellen Ruin, die Flugschule sowie ihre Fabrik mußten schließen.

Auch nach Kriegsende sollte das Glück nicht mehr zu Melli Beese zurückkehren: Getrennt von ihrem Ehemann, schwer morphiumsüchtig und seit einer Bruchlandung bei der Erneuerung ihres Pilotenscheins unter Schock stehend, nahm sich die Fliegerin am 21. Dezember 1925 mit einer Pistolenkugel das Leben. Auf einem Zettel hinterließ sie die Notiz: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“ Die Grabstätte von Melli Beese, ein Ehrengrab der Stadt Berlin, befindet sich auf dem Friedhof Berlin-Schmargendorf. – –


Der Flug ist das Leben wert…

„Der Flug ist das Leben wert“ – so lautete das Lebensmotto der 1907 in Spandau geborenen und auf einem Gut in der Niederlausitz aufgewachsenen Fliegerin Margarete „Marga“ Wolff gen. von Etzdorf. Früh verwaist, wuchs Marga von Etzdorf gemeinsam mit ihrer Schwester bei den Großeltern, einem preußischen General und dessen Frau, auf. Das Mädchen fiel früh mit seiner außerordentlichen Sportlichkeit und einem vitalen Interesse am Fliegen auf: So soll Marga ihre Goldhamster in Ballons auf Flugreisen geschickt und unentwegt Zeitungsartikel über das Fliegen gelesen haben.

Marga galt als durchsetzungsstark. Ihre Großeltern gaben später dem Wunsch der jungen Frau, einen Flugschein machen zu dürfen, ohne größere Diskussionen nach, und nach einer nur viermonatigen Ausbildung in Berlin-Staaken bestand Margarete ihre Fluglizenzprüfung.

Marga von Etzdorf gelang es, in einem Jahr als erste Frau bei der Deutschen Luft Hansa eine Stelle als Copilotin zu erhalten. Auf den Strecken Berlin-Breslau sowie Berlin-Stuttgart-Basel beförderte sie Passagiere in einer Junkers F 13.


…doch manchmal macht er lebensmüde

Nach 10.000 Flugkilometern auf Maschinen der Deutschen Luft Hansa und weiteren 5.000 Flugkilometern bei der Hamburger Luftverkehrsgesellschaft erwarb Marga von Etzdorf den B2-Schein. Die große Leidenschaft der Pilotin aber waren Langstreckenflüge, auf denen sie zahlreiche Abenteuer zu bestehen hatte.

Ein Motorschaden zwang sie beim Flug nach Konstantinopel zu einer Notlandung, bei einem Rückflug von den Kanaren musste sie ihre Pläne wegen eines Unwetters auf Sizilien aufgeben. Schließlich bereitete sie sich akribisch auf einen geplanten Rekordflug nach Japan vor: Nachdem sie ihr Ziel erfolgreich erreicht hatte, stürzte ihr Flugzeug auf dem Rückflug in Bangkok ab.

Nach einem Krankenhausaufenthalt verließ die Fliegerin noch immer nicht der Mut: Von Sponsoren unterstützt, machte sie sich auf den Weg nach Australien. Ein kleinerer Schaden am Flugzeug machte am 28. Mai 1933 einen Reparaturaufenthalt im syrischen Aleppo notwendig. Dieser Rückschlag war für die Fliegerin jedoch zu viel: Marga von Etzdorf erbat, sich in einem Nebenraum ausruhen zu dürfen, legte ihren Kopf auf ein Kissen und schoss sich die Kugeln aus ihrer Schmeisser-Maschinenpistole in den Kopf.

Die Trauer um die mutige Pilotin war groß. Ihr Sarg wurde bis zur Bestattung auf dem Invalidenfriedhof im Berliner Dom aufgebahrt – übersät von Blumen. Auf dem Grabstein der Spruch: „Der Flug ist das Leben wert.“ – –


Vom Flug ins Fachgeschäft für Ehehygiene

Der Name „Beate Uhse“ ist noch heute dem einen oder anderen Erwachsenen in Deutschland bekannt. In Erinnerung geblieben ist die ehemals sportliche Dame als erfolgreiche Unternehmerin. Mit ihrem „Fachgeschäft für Ehehygiene“ veränderte sie in Westdeutschland den Umgang ganzer Generationen mit ihrer Sexualität. Dass Beate Uhse vor dieser Karriere eine berühmte Fliegerin war, ist weniger populär geworden.

Im Jahr 1919 wurde Beate Köstlin als Tochter eines Landwirts und einer Ärztin geboren und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf einem Gut in Ostpreußen auf. Es soll die Sage des Ikarus gewesen sein, die die neunjährige Beate von der Fliegerei träumen ließ. Dass zwei Piloten eine Wiese des elterlichen Guts zum Starten und Landen ihrer Maschinen nutzten, traf sich vortrefflich: Eines Tages durfte das Mädchen mit einem der beiden Piloten einen kurzen Rundflug unternehmen und beschloss, eines Tages selbst am Steuer eines Flugzeugs zu sitzen.

Nachdem die 17-Jährige auf dem elterlichen Gut eine Hauswirtschaftslehre absolviert hatte, erwarb sie in Rangsdorf bei Berlin den Flugschein. Unter 60 Flugschülern des Lehrgangs war sie die einzige Frau. Auf dem Schulungsflugzeug Heinkel He 72 drehte die Flugelevin ihre ersten Runden über märkischer Heide und schloss mit einem Überlandflug von Rangsdorf nach Magdeburg, Halle, Leipzig und retour nach Rangsdorf im Oktober 1938 ihre Prüfung mit Bravour ab. Beate Köstlin machte sich unter den Kollegen schnell einen guten Namen. Sie gewann den „Zuverlässigkeits-Flug 1938“ für Pilotinnen und nahm an einer Flugrallye in Belgien teil. Die junge Pilotin arbeitete in der Bücker Flugzeugbau GmbH Rangsdorf, einem seinerzeit angesehenen Sport- und Schulungsflugzeugbauer, als „Einfliegerin“ neuer Flugzeuge und wurde zur ersten Stuntfliegerin, doubelte Stars der Ufa, saß dabei auch an der Seite von Hans Albers, ihrem Kinoidol.

 

 

Ihr fliegerisches Können verfeinerte sie zielstrebig. Dabei war Hans-Jürgen Uhse einer ihrer Lehrer. Seine Heiratsanträge lehnte sie vorerst ab, da sie „nie und nimmer das Fliegen eines Mannes wegen aufgeben“ mochte. Als Uhse im September 1939, es war seit vier Wochen wieder Krieg, zur Luftwaffe einberufen wurde, heirateten die beiden.

Der Flugpionier Alfred Friedrich machte Beate Uhse, das Angebot, in seiner Firma in Strausberg als Einfliegerin zu arbeiten. Für ihre Kollegen war sie „Schlosser-Maxe“ und als solcher gab sie bei ihren rund 700 Einflügen den Strausbergern eine Vorstellung ihrer Flugkunst.

Im Jahr 1944 wurde Beate Uhse Pilotin der Luftwaffe und trat ihren Dienst als Flugzeugführerin in einem Überführungsgeschwader in Berlin-Tempelhof an. Dort brachte sie Übungsflugzeuge zu anderen Fliegerschulen und später Kampfflugzeuge zu den Frontverbänden. Am Kriegsende, nun im Range eines Hauptmanns der Luftwaffe, verzeichnet ihr Flugbuch 1898 Flüge. Zu dieser Zeit war die 24-jährige bereits seit einem halben Jahr Witwe und seit 18 Monaten Mutter eines Sohnes.

Mit ihrem Sohn, mit dem Kindermädchen und mit einigen anderen gelangte sie in einem abenteuerlichen Marsch durch die umkämpften Straßen Berlins nach Gatow, fand eine noch flugfähige Maschine, deren Typ sie vorher aber noch nie geflogen hatte. Kurz bevor sowjetische Truppen den Flugplatz erreichten, startete sie die Maschine und landete im nordfriesischen Leck, wo sie am 30. April 1945 von britischen Soldaten gefangen gesetzt wurde und die erste Karriere der Beate Uhse, die beeindruckende Laufbahn einer Fliegerin, endete.


Fliegen ohne Ende

Die Geschichte der Fliegerinnen in Brandenburg ist damit allerdings nicht zu Ende. Auch zu DDR-Zeiten gab es vereinzelt weibliche Piloten, darunter als einzige Militärpilotin, Iris Wittig, die 1954 beim damals in Cottbus stationierten Jagdfliegergeschwader 1 diente. Die Berufsfliegerei blieb den Männern vorbehalten, bis in den letzten Jahrzehnten auch hier die Emanzipation Bahn brach. Aber das ist eine neue und noch lange Geschichte…

Mehr zum Thema Fliegen in Brandenburg gibt es in der neuen Ausgabe der Mark Brandenburg.

Der Titel der Zeitschrift Die Mark Brandenburg
Titel des Historikmagazins „Die Mark Brandenburg“

Marcel Piethe
Ein Beitrag von

ist Historiker und Publizist. Er leitet die Agentur Zeitreisen – und wenn er Zeit hat, erkundet er mit www.videobustour.de die Welt. Zitat: „Man kann nicht alles wissen. Man muß nur wissen, wo es steht.“