Im Osten geht die Sonne auf
Wie sich ein Adlershofer Theater im Lockdown neu erfindet und dabei ganz bewusst kulturelle Brücken bauen will.

Was macht eine Theaterintendantin, wenn sie ihr Haus nicht öffnen darf? Richtig, sie besorgt sich ein Zelt. Und wenn auch das geschlossen bleiben muss? Richtig, dann macht sie sich Gedanken. Im Oktober 2020 startete Kathrin Schülein im Theater Adlershof mit einigen unerschrockenen Mitstreitern eine Petition: „Kultur ins Grundgesetz“.
Das Studio 5 ist eine Baustelle
Foto: Björn Hofmann

Und wenn sich Kathrin Schülein nicht um das große Ganze Sorgen macht, denkt sie darüber nach, wie es mit ihrem Theater in Zukunft weitergehen soll. Doch solange mögliche Öffnungsperspektiven an wandelbare R-Zahlen, Hygienekonzepte und negative Testergebnisse gebunden sind, ist sie selbst nur Zuschauerin der Ereignisse. Und weil das nicht ihre Art ist, wurde sie auf andere Weise aktiv.

Gemeinsam mit ihrer kleinen Theatermannschaft hat Kathrin Schülein die Zwangspause genutzt, um das Theater Adlershof ganz neu zu denken. Baulich steht das Haus vor großen Veränderungen. In den kommenden Jahren wird es umfassend saniert. Der große Saal des einstigen Fernsehtheaters wird dann wieder für das Publikum geöffnet werden. Weil aber auch bis dahin noch viel Geduld vonnöten ist, soll es schon jetzt eine sichtbare Veränderung geben. Aus dem Theater Adlershof wird künftig das Theater Ost.

Der neue Name beschreibt die geografische Lage in Berlin und ist zugleich eine Anspielung auf den historischen Standort, denn von hier aus ging in der DDR allabendlich die „Aktuelle Kamera“ auf Sendung. So steht das Theater Ost auch für ein selbstbewusstes Bekenntnis zu eigener Sozialisierung und kultureller Prägung. Zugleich wollen die Theatermacher damit eine programmatische Ausrichtung deutlich machen, die künftig von Berlin aus in Richtung Osten schaut und kulturelle Brücken bis weit nach Russland schlagen will.

Zwei Dinge werden die Deutschen den Russen nie verzeihen – sie haben den II. Weltkrieg nicht angefangen und dann auch noch gewonnen. Presse und Politik vermitteln hierzulande oft den Eindruck, der Krieg hätte mit einem Unentschieden geendet, und längst wäre es Zeit für ein Rückspiel. Verantwortungslose Agitatoren machen seit Jahren gegen Russland mobil und imaginieren im Osten einen neuen alten Feind, der uns sogar mit verlässlicher Erdgasversorgung und wirkungsvollem Impfstoff nichts anderes als schaden will.

In Zeiten derart eskalierenden Irrsinns wird es für Kulturschaffende zur Plichtaufgabe, auch im Kleinen ganz unmittelbar den friedlichen Dialog zu fördern und kulturelle Verständigung zu suchen. Und für all jene, die mit offenem, neugierigen Blick nach Osten schauen, gibt es dort jede Menge Spannendes zu entdecken.

Nein, auch das Theater Ost wird die Welt nicht retten. Das weiß Kathrin Schülein und so sitzt sie dieser Tage über Fördergeldanträgen und Hygienekonzepten und neuen Spielplänen, um bereit zu sein, wenn sich der Vorhang für uns alle wieder öffnet.


Sebastian Köpcke
Ein Beitrag von

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“