Ralf BergnerSchon Kindergartenkinder, wenn sie ihre Fensterbilder zeichnen, fügen dem unvermeidlichen König mit seiner unvermeidlichen Krone gern ein spezifizierendes – durch den Originaltext nicht gesichertes Requisit bei, etwa eine kleine Katze. Schlichte Märchencharaktere laden zum Ausschmücken ein. Textungetüme, vom Standpunkt des Künstlers aus betrachtet, sind ein verfeinerungsbedürftiges Mangelgenre, das durch Plumpheit zur Ausgestaltung reizt.

Über 25 Jahre entwickelt Ralf Bergner schon Bildgeschichten von eigenem Recht, die mehr sind als vordergründige Illustrationen oder bloßes Dekor: Mal sind sie schlicht, mal überbordend reich, ja überwältigend dicht gearbeitet, mal verrätselt, mal närrisch (will heißen: enthusiastisch), aber immer fasznierend in ihrer punktgenauen Umkreisung von Texten, Gedichten, Aphorismen. Bergner zeichnet zum Wichtigen auch das anscheinend Unwichtige dazu, dekoriert, überformt, kramt in Geschichte und Gegenwart, greift ins pralle Leben und deutet, wagt den offensiven Zukunfts- und den wehmütigen Seitenblick. So zartfühlend und liebreizend, so traurig und rabenschwarz kann kaum ein Autor schreiben, wie dieser Künstler zeichnet. Kaufen Sie am besten die Bücher, die Ralf Bergner illustriert hat, denn man braucht Zeit, um sich den Detailreichtum der Blätter ganz zu erschließen.

Ralf Bergner: Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein, Halle, bei Prof. Frank Ruddigkeit und Prof. Willi Sitte, Diplom. Zusatzstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig. Seine Werke findet man u. a. in der Bayrischen Staatsgemäldesammlung, im Berliner Kupferstichkabinett, im Deutschen Bundestag sowie im Wilhelm-Busch- Museum. Die Titelgestaltung dieser Maulbeerblatt- Ausgabe basiert auf dem Gemälde Bergners „Der Pervertierte“.