Bond, James Bond

Stau in Adlershof. Ich hätte es wissen können. Hier drängen sich täglich die Karossen – seit Jahren schon. Offenbar eine Einmann-Baustelle, deren Protagonist ständig krank oder im Urlaub ist. Mein Präzisions-Chronometer zeigt 13.51 (London 12.51, New York 7.51, Moskau 15.51, Singapur 19.51). Sollte ich jemals jemandem mein Vertrauen schenken, dann dieser Uhr. Sie passt gut zu mir. Wirkt männlich markant und lässt mein Handgelenk dennoch schmal, ja beinahe zierlich erscheinen. Mit lässigem Knopfdruck öffne ich eine Bedienkonsole in meinem Armaturenbrett. Wurzelholzfurnier verschwindet und gibt den Blick frei auf den allerneusten 3D-Monitor. Ohne ihn zu berühren, dirigieren meine Finger. Lautlos senkt sich der Rückspiegel in meine Richtung und eine indirekte LED-Beleuchtung erhellt mein Gesicht. Mein Blick ist kritisch. Das war er schon immer. Doch nun, mit über achzig, ist er noch mitleidloser und desillusionierter als jemals zuvor. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Sie würden mich allenfalls auf Mitte Vierzig schätzen, keinen Tag älter. Mein Haar ist kraftvoll und tadellos in Form und lediglich an den Schläfen grau, aber gerade das harmoniert ganz wunderbar mit meinem gut gebräunten Teint. Mein Blick ist klar und ungetrübt und meine Augen funkeln. Mein Lächeln ist so strahlend weiß wie eine Zuchtperlenkette. Ich zeige es selten, um so größer ist der Effekt, um so verlässlicher seine Wirkung. Ich streiche mit der Hand über das Grübchen in meinem Kinn und bin mir sicher: Frauen signalisiert es noch immer äußerste Vorsicht und Männern unmittelbare Todesgefahr.

Am Straßenrand lauert ein unförmiges Geschöpf im Jogginganzug, mit Hund an der Leine und praller Einkaufstüte am Arm. Wie lange hat es mich schon beobachtet? Mit einem Handstreich lasse ich das Licht erlöschen. Der Rückspiegel gleitet in seine ursprüngliche Position. Ich könnte mich für den Flammenwerfer, das Großkaliber-Maschinengewehr oder den Sprühnebel entscheiden, aber soll ich wirklich noch mehr Aufmerksamkeit auf mich lenken? Die Verdunklung meiner Scheiben genügt vollkommen. Die Tütenfrau mit Hund guckt blöde. Der Wagen vor mir setzt sich in Bewegung. Endlich, es geht weiter!

Ich lasse mir den Streckenverlauf aufzeigen. Nach weiteren sieben Ampelphasen bin ich raus aus dem Nadelöhr, lasse den Motor aufheulen, wechsle in den Gegenverkehr, ziehe hoch auf 230, springe über den Fahrradweg auf den Bürgersteig, um einem Lieferwagen mit Pfennigs- Fleischsalat auszuweichen und setze rechtzeitig vor ein paar rauchenden Schulkindern zurück auf die Fahrbahn. Vierundzwanzig Sekunden später stehe ich am Stauende an der Köpenicker Schlossbrücke. Mein Bordcomputer liefert mir einundzwanzig Alternativen. Sollte ich jemals jemandem vertrauen, dann diesem wunderbaren Auto. Ich gehe auf Nummer sicher und wähle die Route mit dem geringsten Risiko. Ich drücke die 9, ziehe den Anschnallgurt straff und lehne mich zurück. Aus meinem Kühlergrill schießen zwei rotierende Sägeblätter und durchtrennen das Brückengeländer schnell und effizient, der Wagen setzt zum Sprung an und als er wieder aus den trüben Wellen der Dahme auftaucht, nimmt er Kurs Richtung Freiheit 15. Der Autopilot findet den Weg allein. Zeit für einen Martini. Gerührt oder geschüttelt, wenn ich allein unterwegs bin, ist mir das wurscht.

Die Sonne scheint und lässt das Herbstlaub in tausend Farben leuchten. Ich nehme die Schönheit der Natur durchaus wahr, nur verliere ich darüber keine großen Worte. Als ich mit stolzer Bugwelle an einem Ausflugsdampfer vorbei rausche, blitzen Fotoapparate und Telefone. Haben wohl noch nie einen Aston Martin gesehen. Backbord kommt ein Biergarten in Sicht. Ich starte den Turbo. Nach kurzem Anlauf erhebt sich der Wagen auf ausklappbaren Schwingen aus dem Wasser und fliegt an einer alten Brauerei entlang, in sanfter Kurve über eine baufällige Villa. Auf der Terrasse sitzt ein Mann mit Hut und Brille. Mit ungläubigem Blick starrt er zu mir empor, dann winkt er überschwänglich. Vor einem gemütlichen griechischen Restaurant setzen alle vier Räder gleichzeitig auf die Straße. Der Wagen rollt leise die letzten Meter über das Kopfsteinpflaster und hält in der Scharnweberstraße 6.

Eine betörende Frauenstimme haucht eine klare Ansage aus dem Lautsprecher: »Ziel erreicht! Viel Glück bei Deinem Auftrag.« Ich ziehe den Zündschlüssel und lasse die Tür aufspringen, steige aus und streiche über mein Jacket. Ich spüre die Walter PPK. Sie ist da, wo sie hingehört. Sollte ich jemals jemandem vertrauen, dann allein meiner Walter PPK.

Ich trete in das Büro des Maulbeerblattes und erfasse die Situation. Rechts von mir sitzt ein Irokese am Flachbildschirm. Er grüßt mit freundlichem Gesicht. Ein smarter Brillenträger mit Kopfhörern auf den Ohren dreht sich flüchtig nach mir um. Hinter dem dritten Monitor sitzt ein kleiner alter Mann mit Rauschebart. »Da bist Du ja endlich, musstest Du erst noch die Welt retten? Du schnappst Dir jetzt die zwölf Kartons da vorn und verteilst die neue Ausgabe so wie immer!« »Alles klar – M – ich lege sofort los. Kann mir vielleicht jemand die Tür aufhalten?« »Das schaffst Du schon, 007! Und nun beeil Dich mal gefälligst.«


Sebastian Köpcke
Ein Beitrag von

Grafiker, Illustrator, Kuriositätensammler und Ausstellungsmacher. Geistiger Vater von Müggula, dem Biest aus dem Müggelsee, und anderen schlimmen Abscheulichkeiten. Zitat: „Nicht über unseren Köpcke hinweg.“


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