Ü-30 Party auf dem Balkon

Was für ein Glück, dass wir in den ersten beiden Augustwochen Urlaub genommen hatten. Affenhitze, Müggelsee und nichts zu tun – einfach ideal!
Die ganze Familie ist zu Hause geblieben, es soll ja voll im Trend liegen, im Sommer nicht zu verreisen, sondern es sich in den heimatlichen Gefilden schön zu machen.
Während meine Frau und ich uns im Ausland aber immer auf die dortigen Spezialitäten und Spirituosen stürzen, machte sich in diesem Jahr zunächst eine gewisse Leere breit. Man kennt hier alles schon. Aber die erlösende Antwort kam wie von allein. Was gibt es bei über 30 Grad für eine schönere Erfrischung als – richtig – Caipirinha! Wenn du nicht ins Ausland fährst, holst du das Ausland zu dir. Und Brasilien muss es schon sein! So einfach ist das!
Genauso einfach wie einen Caipi zu mixen, zumindest wenn man den einschlägigen Internetseiten Glauben schenkt. Besonders überzeugt hat uns – abgesehen von dem Appetit auf das Modegetränk – die Ankündigung, man brauche nur vier Zutaten: Limetten, braunen Rohrzucker, den Cachaça genannten Zuckerrohrschnaps und zerstoßenes Eis.
Also planten wir – mit Blick auf die Temperaturen – unsere Ü-30-Party. Im gehobenen Supermarkt haben wir alles bekommen, dann sind wir vorschriftsmäßig vorgegangen: Limetten in Spalten zerlegen, diese dritteln und mit dem Rohrzucker zerdrücken. Der benötigte Stößel hing praktischerweise gleich an der Cachaça-Flasche. Dann das Eis – und da fingen die Probleme an. Das hatten wir nämlich nicht geholt. Geld für gefrorenes Wasser ausgeben? Wozu haben wir einen Tiefkühler?
Als erstes entbrannte der Streit darum, ob man tatsächlich so klein zerstoßenes Eis haben müsse. Der Appetit verlangte sein Recht, wir probierten es auf die einfache Art, aber der Genuss blieb auf der Strecke. Die Zutaten konnten sich bei den dicken Würfeln nicht zu dem erwünschten Drink vermischen.
Nächster Abend, neues Glück: Ich habe das Eis auf dem Küchentisch klein kloppen wollen, was schwieriger war, als wir uns vorgestellt haben. Beim ersten Schlag flogen die Eisstücke in alle Richtungen, meine Frau machte mich darauf aufmerksam, das tiefgekühlte Wasser in ein Handtuch zu verpacken und dann mit dem Schnitzelhammer zu bearbeiten. Unser Großer, der ins Alter kommt, in dem man andere Getränke zu schätzen lernt als nur Kakao und Apfelsaft, zerstößelte die Limetten und den Zucker. Meine Frau stellte Kerzen auf den Tisch.
Aber so richtig perfekt wurde das Eis mit dieser Methode nicht, entweder war es zu fein oder zu grob. Die abendliche Wärme und die Ungeduld trieben die Emotionen hoch, während der Mixer mir die Arbeit abnahm, stritten wir über Cocktail-Rezepte, Tiefkühler und ein gewisses Freundespaar, dem der Caipi stets mühelos gelingt.
Unser Sohn hielt uns die Tatsachen vor Augen – im wahrsten Sinne des Wortes – die uns in der Zwischenzeit überholt hatten. Der Mixer hatte in seinem Eifer das Eis wieder zu Wasser zerrieben.
Am dritten Abend kamen Freunde (nicht die, denen der Caipi immer gelingt). Diesmal haben wir das sogenannte Crushed-Eis gekauft. Aber das Schicksal schien uns den fruchtigen Cocktail vermiesen zu wollen. Die vier Zutaten lagen auf dem Beifahrersitz, ich mit leicht überhöhter Geschwindigkeit auf dem Weg nach Hause, um das Eis in seinem Idealzustand zu bewahren und wieder dem Tiefkühler zu überantworten, als mir der Jüngere eine Handy-Nachricht sandte. Ein Zwischenfall beim Baden, nichts Dramatisches, aber schlimm genug, um dem Kind zu Hilfe zu eilen. Als der so Gerettete anschließend auf dem Beifahrersitz Platz nahm, fragte er mich, wozu ich eine Tüte voller Wasser gekauft hätte. Zum Glück war es noch gar nicht so spät und ich konnte Ersatz besorgen.
Als meine Frau unserem Besuch den Caipi servierte, schwärmte ich. „Wir trinken das Zeug schon seit zwei Tagen – unglaublich lecker!“

Foto: Martin Bartosch


Dietrich von Schell

Ein Beitrag von Dietrich von Schell

Sagt von sich selbst, dass er ein sonniges Gemüt hat. Seine journalistische Profession versteht er als Jäger- und Sammlertum: Fakten sammeln, für Geschichten auf die Jagd gehen. Zitat: (nach der Katastrophe) "Ist doch nischt passiert!"