Wenn Pilze die Sinne vernebeln
Kälteschock und Sauna


Alljährlich im Herbst, wenn die Zugvögel sich gerade auf den Weg in den Süden gemacht haben, setzt eine ganz andere Art von saisonaler Wanderbewegung ein: Die Mieter laufen ihren Hausärzten, dem Mieterbund und dem Verbraucherschutz die Türen ein. Das Thema: Pilze. Und es geht dabei nicht um die halluzinogenen Spezies, die dubiose Gestalten in dunklen Parks vertreiben. Es geht um die liebsten Mitbewohner der Deutschen, den Schimmelpilz. Dem werden zwar auch gesundheitliche Beeinträchtigungen in beträchtlichem Ausmaß nachgesagt – Halluzinationen gehören nach bisherigem Forschungsstand aber nicht zu den Gefahren.

Wenn das Kunststofffenster mit der Styroporplatte …

Bei Altbausanierungen zeigt sich oft nach einiger Zeit eine besondere Form von Tapetenwechsel: Rund um die neuen Kunststofffenster und entlang der Außenwände nimmt die Tapete Tarnfarbe an. Schwarz. Wenn die gesamten Außenwände einem schwarz gepunkteten Leopardenfell ähneln, ist das nicht hip. Denn Pelz tragen gilt modisch derzeit als Todsünde, auch im Bereich Innendekor. Die schwarzen Stockflecken zeigen nur an, dass der Altbau sehr gründlich saniert wurde. So gründlich, dass kein Luftaustausch zwischen draußen und drinnen mehr stattfinden kann. Das Wohnzimmer wurde zum Biolabor umfunktioniert, mithilfe moderner, sehr dichter Kunststofffenster und an der Außenwand angebrachter Styroporplatten. Im Sinne der energieeffizienten Sanierung von Altbauten ist das durchaus gewünscht, aber nicht alle Mieter sind glücklich mit der neuen Pilzzucht in der Wohnung. Die könnte vermieden werden, hätte man aus Effizienzdenken heraus nicht die Gebrauchsanweisung für die sanierte Wohnung weggelassen.

Zwischen Kälteschock und Sauna

Regelmäßig im Herbst machen sich die Sanierungsmaßnahmen in den Wohnungen bemerkbar: Jetzt bleibt die sommerliche Saunafeuchte nämlich in den Wohnungen hängen und kann dank schlechter Lüftung (ist ja kalt draußen) auch nicht entweichen. Die Feuchtigkeit schlägt sich in ihrer Verzweiflung an den Außenwänden nieder, wird von den außen angebrachten Dämmplatten in der weiteren Wanderbewegung behindert und gibt auf. Das Wasser sammelt sich in der Wand und trägt dort zur Entwicklung der genannten Pilzzucht bei.
Wenn Euch der Pilz die Sinne noch nicht ganz vernebelt hat, bekommt Ihr in zahlreichen Ratgebern (wie in diesem von Haufe) Hinweise, wie Ihr die unerwünschte Pilzzucht wieder loswerdet. Es geht das Gerücht, dass regelmäßiges Stoßlüften ab Ende der heißen Sommertage für einen guten Feuchtigkeitsaustausch zwischen drinnen und draußen sorgt. Mehrmals täglich sollen zu diesem Zweck alle Fenster der Wohnung gleichzeitig aufgerissen werden, und zwar für wenigstens zehn Minuten. Bei einstelligen Temperaturwerten frühmorgens und spätabends wird die Pilzkultur schockgefrostet. Nach dem Lüften, so der Expertenrat, sollten die Wohnräume auf tropische 18° bis 22° C aufgeheizt werden. Was sich wie eine gesundheitsfördernde Kneipp-Kur anhört, ist für den Schimmelpilz eine Rosskur, das verträgt er nicht. Zieht Euch warm an.

Friseurbedarf kreativ verwendet

Hilft die Kneipp-Kur nicht, ist es immerhin möglich, den Schimmel farblich interessant zu gestalten. Handelsübliche Schimmelentferner aus dem Drogeriemarkt funktionieren auf der Basis von Chlor oder Wasserstoffperoxid. Beides soll erstens die Vermehrung des Pilzes stoppen und zweitens den befallenen Wänden ihre ursprüngliche Farbe wiedergeben. Ersteres funktioniert manchmal tatsächlich, zweiteres wird mit … nun ja, sehr kreativen Ergebnissen belohnt. Mit Wasserstoffperoxid behandelte Wände erinnern in der Regel nicht mehr an Leopardenfell. Ob sie Euren ästhetischen Ansprüchen entsprechen, ist nicht eindeutig zu beantworten: Die Interviewpartner drückten sich in dieser Angelegenheit unflätig bis unverständlich aus.

 


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