Von manchen Beiträgen hofft man, dass man sie nie schreiben müsse. Dieser Nachruf gehört zu eben jenen. Er handelt von einem Menschen und Kollegen, der dieses Magazin über viele Jahre hinweg mit prägte und dem das Maulbeerblatt sehr viel verdankt. Dietrich von Schell, war ein versierter, lokalpolitischer Berichterstatter vor Ort, ein großer Reporter und liebenswerter Freund. Anfang November ist Dietrich im Alter von 52 Jahren verstorben. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne.

Das Foto zeigt Dietrich von Schell, wie wir ihn kannten: offen und aufmerksam. Ein Optimist. „Ist doch nüscht passiert!“ war nicht nur seine berufliche Maxime. 1965 in Hannover geboren, verbrachte Dietrich seine Kindheit und Jugend in Benthe und Gehrden im Umland der Landeshauptstadt. Seinen Zivildienst absolvierte er in Köln. 1988 folgte der Umzug nach Berlin, wo er sich 1995 zum Studium der Geschichte und Philosophie einschrieb. Sein besonderes Interesse galt der Geschichte Osteuropas. Neben dem Studium begann er 1998 für das Berliner Abendblatt zu schreiben. Dort erkannte man sein Talent und bot ihm bald ein Volontariat an, infolge dessen er sein Studium aufgab.

Das Archiv auf maulbeerblatt.com weist 70 Artikel von seiner Hand aus. Eine beachtliche Anzahl. Und doch keine Fließbandware, sondern Qualitätsjournalismus. Dietrichs letzter Text für das Maulbeerblatt erschien in der Novemberausgabe. Die Überschrift: „Kunsthof Köpenick vs. Bezirksamt: Kleiner Zaun – große Welle“. Ein Beitrag zu einem Schildbürgerproblem in der Altstadt Köpenick. Das Thema scheint nun seit kurzem auch Dank jenes Beitrages abgehakt. Der Zaun ist weg. Der Weg ist frei. Ein Paradebeispiel für das gelungene Ineinandergreifen bürgerlichen Engagements und engagierten Lokaljournalismus’.

Dietrich war ein vielseitiger Autor und in allen Formaten zuhause: Vom Interview mit Bürgermeister Oliver Igel über die „Suche nach der wahren Wahrheit“, einer Betrachtung der deutschen Medienlandschaft erschienen bereits 2014 (sic!), bis hin zur Glosse („Die Riesen-Schummel-Packung“) beherrschte er alle Register. Er berichtete journalistisch sauber, seriös und kompetent – vertiefte sich in die jeweilige Problematik. Er wusste, wovon er schrieb. Was jene durchaus zu schätzen wussten, über die berichtet wurde. Auch wenn sie es vielleicht vorgezogen hätten, dass lieber kein Beitrag geschrieben worden wäre. Sensationsjournalismus war seine Sache nicht.

Als Journalist aus Leidenschaft war sein Terminkalender voll und sein Berufsleben arbeitsreich. Doch die goldenen Zeiten des gedruckten Wortes gehören zur Vergangenheit unseres Berufsstandes. Die wenigsten (lokalen) Verlage beschäftigten noch einen eigenen Stamm festangestellter Redakteure. Und so war Dietrich, wie viele andere Autoren, auch mehrgleisig für andere Periodika, wie etwa die Märkische Allgemeine Zeitung aktiv.

Auch oder gerade wenn er wie kein zweiter Autor den Redaktionsschlusstermin auszudehnen wusste – gerade wenn die Luft brannte und der Erscheinungstermin nun eigentlich nicht mehr gehalten werden konnte – war auf Dietrich Verlass. Begleitet von seinen aufmunternden Worten „Alles halb so schlimm.“ wurden wir mehrmals Zeugen des Wunders von Schell:  Sein in allerletzter Sekunde eingereichter Text einkopiert in das ansonsten fix und fertige Layout saß genau auf den Punkt und konnte ohne weitere Bearbeitung endlich in die Druckerei.

Dietrich hat das unverwechselbare Profil des Maulbeerblattes seit 2013 deutlich mit geprägt. Nur wenige verkörperten wie er, was dieses Magazin ausmacht: Lokaljournalismus in seinem besten Sinne! Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass sich das Maulbeerblatt (nach seinen Flegeljahren) abseits aller Unterhaltsamkeit bei seiner Leserschaft den Ruf eines seriösen Lokalmagazines erarbeiten konnte.

Lieber Dietrich, jetzt ist doch etwas passiert!
Wir werden Dich nicht vergessen.
Hab vielen Dank!
Adieu.

Foto: Matthias Vorbau

Matthias Vorbau

Ein Beitrag von Matthias Vorbau

Matthias Vorbau nennt sich Chefredakteur des Maulbeerblattes. Eigentlich ist er Kommunikationsdesigner mit Diplom. Zitat: "Das Leben zwingt einen zu zahlreichen freiwilligen Entscheidungen."