Die Künstlerin Alexandra Richter stellt in ihrer Fotoserie „Essen“ das Spiel mit dem Alltäglichen, unserer Nahrung, in den Mittelpunkt. Zu sehen sind Traumbilder, die gewöhnliche Dinge und Situationen in einen neuen Kontext fügen und damit vollkommen surreal erscheinen lassen.

„Mit dem Essen spielt man nicht“, haben die Eltern von Alexandra Richter wahrscheinlich selten gemahnt. Ohne Scheu hat die junge Künstlerin deshalb ausprobiert, welche Möglichkeiten unsere Nahrungsmittel außer dem schnöden Aufessen noch bieten. Sie versucht damit herauszufinden, wie das Essen als Bestandteil unseres Alltags in verschiedene Beziehungen zum Menschen treten kann.
Die Motivation, eine Bildserie nur dem Essen zu widmen, entstand, nachdem Alexandra Richter im vergangenen Jahr schwer am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war. Diese Viruserkrankung äußert sich durch Müdigkeit und ein Schwächegefühl, dass sehr kräftezehrend wirken kann. Um die Krankheit zu bekämpfen, musste sie ihr Immunsystem stärken. Sie stellte deshalb ihre Ernährung auf eine möglichst ausgeglichene und gesunde Kost mit vielen Mineralstoffen und Vitaminen um.
Alexandra begann, sich zunächst vegan zu ernähren, später dann vegetarisch, und dem Essen mehr Platz in ihrem Leben einzuräumen: „Ich bin davon überzeugt, dass das Essen einen ungemeinen Einfluss auf das Bewusstsein hat und dass man sich mit den Nahrungsmitteln auch verbinden kann. Der Spruch ‚Du bist, was Du isst, hat für mich durchaus seine Berechtigung.“

Ihre Fotoserie „Essen“ gehört zu einer komplexen Fotokonzeptarbeit, die aus der Zusammenarbeit mit einem Londoner Paparazzo und einem spanischen Werbefotografen entstanden ist. Sie verwendete unterschiedliche Vorgehensweisen, wie das Inszenieren und Verfolgen, die sie von den beiden Fotografen abgeschaut hat. Damit will Alexandra Richter zeigen, in welchem Spannungsfeld sich Kunst bewegt und wie sie entsteht. „Kunst ist meist dazu verdammt, nicht schön sein zu dürfen. Kunst soll oft schockieren. Aber sie muss nicht abstoßend sein“, ist ihre Meinung. „Mich nerven diese Schubladen.“

Die Künstlerin hat sich bei der Umsetzung ihrer Ideen davon leiten lassen, ihre Motive so natürlich wie möglich wirken zu lassen. Damit will sie den surrealen Eindruck unterstreichen. Sie hat die Fotos mit einer analogen Kamera und Diafilm aufgenommen, der anschließend negativ entwickelt wurde. Diese Technik wird eingesetzt, um starke Kontraste, intensive Farben und leicht unwirkliche Papierabzüge zu erhalten.
Die Serie „Essen“ wurde zur Mittagszeit fotografiert, unter Ausnutzung der zu dieser Tageszeit herrschenden Lichtverhältnisse. Die Bilder sind Außenaufnahmen und entstanden in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes.

Um die Beziehung zwischen Model und Künstlerin so eng wie möglich zu gestalten, verzichtete Alexandra auf ein professionelles Stylistenteam, auf externe Beleuchter und Assistenten. Da sie nur zu zweit waren, sei ihre Arbeitsbeziehung auf einer sehr privaten und freundschaftlichen Ebene abgelaufen, sagt die Künstlerin.
Mit dem Model Viviane Hausstein, die aus Müggelheim stammt und am Lette-Verein Mode studiert, hat sie bereits mehrfach zusammengearbeitet.
Die gegensätzlichen Auffassungen, die die Künstlerin und ihr Model beim Thema Essen vertreten, haben sie nicht in die Bilder hineinspielen lassen. Auch, dass Viviane gern Fleisch isst, Alexandra hingegen streng vegetarisch lebt, habe nicht zu Spannungen geführt. Dieser Unterschied sei viel mehr eine Quelle der Inspiration gewesen, stellt Alexandra fest.

Alexandra Richter
Jahrgang 1981, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Friedrichshagen. Derzeit steht sie kurz vor dem Abschluss ihres Studiums „Kunst und Medien“ an der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, in Halle/Saale. Die Fotokonzeptarbeit, die über den Zeitraum eines Jahres entstand, ist Teil ihres Diploms. Zwischen dem 21. und 25.04.2008 wird die gesamte Arbeit in Halle präsentiert. Die Künstlerin lebt in Kreuzberg.


Tatjana Rabe

Ein Beitrag von Tatjana Rabe

Betriebswirtin und Fachjournalistin, arbeitet als K arriereberaterin. Ist genau, eigenwillig und aufmerksam. Wird oft mit Friederike Hagen verwechselt. Zitat: "Ich will ja nicht streiten, aber Recht behalten schon."