Nichts liegt näher als für den Auftakt einer Reihe von Flussportraits in einem Friedrichshagener Heftchen die Spree näher vorzustellen. Jeder Berliner hat wohl schon einmal von ihr gehört, aber gerade für den stets vom Wasser bedrohten, gelockten und verführten Friedrichhagener Landbewohner ist es besonders wichtig diesen Fluss genauer zu kennen, um zu wissen mit was für einer Dame er es da überhaupt zu tun hat.

Es gibt Flüsse, die sind auf das Engste verbunden mit der Geschichte von Völkern. Da gibt es den Rhein als die einstige natürliche Grenze zwischen römischer Zivilisation und germanischer Barbarei und die Oder als den „Mutterfluss der Schlesier“. Diese Reihe lässt sich endlos fortsetzen, und der wohl wichtigste Grund dafür ist, dass Flüsse schon immer natürliche Barrieren und Siedlungsräume waren. An ihren Ufern sind häufig Städte entstanden mit so bedeutungsvollen Namen wie Frank(en)Furt. Auch die meisten Weltmetropolen machen da keinen Unterschied, und egal zu welcher Kategorie Stadt man Berlin nun zählen möchte, aber auch das heutige Berlin ist im Kern aus dem Zusammenschluss zweier Siedlungen – Cölln und Berlin – am Ufer der Spree hervorgegangen.

Die Spree ist im Gegensatz zu Rhein und Oder ein vergleichsweise kleiner und unauffälliger Fluss, der heute eher als Wasserleitung für Tagebaurestlöcher als durch große Geschichten von sich Reden macht. Es sind vielmehr die kleinen Geschichten, welche der Spree als frühes Siedlungsgebiet der Sprewanen und Sorben – Letztere nannten ihren Fluss Sprewja oder Sprowja – eine über Zeiten hinweg kontinuierliche Symbolik verliehen, die diesen kleinen Fluss bis in die Gegenwart untrennbar mit der Identität der Sorben verbindet. Auch wenn sich die Kernsiedlungsgebiete der Sorben nicht auf die Spreeregionen beschränken, ist es doch kein Wunder, dass ein Fluss ins Zentrum der sorbischen Kultur rückt, denn wo es keine politischen Grenzen gibt und sich Nationalzugehörigkeiten überlagern, dort gewinnt ein markantes geografisches Detail leicht eine Art Symbolfunktion.

Ein Blick von der Oberbaumbrücke auf die urbane Spree lässt von allen diesen Dingen kaum etwas spüren. An ihren Ufern in Berlin versammelt sich mit Vorliebe alles was hipp oder Politiker ist und Friedrichshagen mit seiner Lage an den seenartigen Ausbuchtungen der Müggelspree gleicht bei gutem Wetter mehr einem Urlaubsidyll für Sommerfrischler als dem Randbezirk einer Großstadt – aber was das betrifft, ist Friedrichshagen ja sowieso etwas ganz Besonderes.

Doch alles beginnt ganz woanders im abgelegensten Oberlausitzer Bergland nahe der tschechischen Grenze, wo die Spree als Zusammenfluss dreier Quellen entsteht und sich kaum von einem typischen Gebirgsfluss unterscheidet. Sie fließt durch ein enges Tal, durchbricht den nördlichsten Höhenzug der Lausitzer Berge und klettert schließlich bei Bautzen ins Tiefland hinab. Mit Bautzen ist schon das Stichwort gegeben, denn als alte sorbische Siedlung bildet diese Stadt nur den Anfang einer ganzen Serie sorbischer Zentren, die sich entlang der Spree bis vor die Tore Berlins fortsetzt. Die Orte an ihrem Lauf geben den entscheidenden Hinweis auf ihre sorbisch-slawische Herkunft oft schon im Namen – besonders eindrücklich im Falle von Wendisch Rietz – und die Ortseingangsschilder werden heute mit zwei Ortsbezeichnungen versehen. Auch Cottbus nennt sich heute gerne wieder Chosebuz, und das nicht nur anlässlich des alljährlichen Osteuropa-Filmfestivals.

Am touristentauglichsten und damit am populärsten unter den sorbischen Kulturräumen schneidet der Spreewald ab, wo sich die Spree als eine Art brandenburgisches Klein-Amazonasgebiet mit einem Gewirr von Fließen und Gräben in einer großflächigen Niederungen ausbreitet. Sich auf Kähnen durch diese engen Wassergassen schippern zu lassen und dabei Gewürzgurken zu knabbern, hat zunehmend an Beliebtheit gewonnen. Dementsprechend hat man auch wieder die traditionellen Trachten hervorgeholt und heute ist der Spreewald bis auf ein paar verstreute Dörfer in der Lausitz vielleicht die einzige Region, wo man etwas alltäglich gelebte Sorbenkultur erleben kann. Die ist sicherlich nicht immer ganz authentisch, aber man tut das nicht nur den Touristen zuliebe, denn schließlich betont man gerne das Sorbischsein, und da machen heute auch die regionalen Sendestationen von Inforadio und RBB-Fernsehen mit einem sorbischsprachigen Teilzeitprogramm mit.

Hinter dem Spreewald wird der Fluss wieder angenehm einsam. Mit weitausholenden Mäandern zieht die Spree durch Wiesen und Wälder und berührt dabei stille Dörfer. Einige Male tritt sie aus ihrem engen Flussbett auf einen breiten glatten See hinaus, auf dem sich der weite Himmel spiegelt. Das wirkt unwillkürlich masurisch und die vielen verschiedenen Seiten dieses Flusses überraschen. Nur die Strömung ist immer gleich träge; von ihrem Namen Sprewjan, die „Spritzige“ und „Schnellfließende“ ist wenig übriggeblieben. Das Gefälle geht gegen Null und das ist manchmal schon zu wenig, und so soll es sich zuletzt im Sommer 2003 und 2006 zugetragen haben, dass die Spree wegen des hohen Wasserverlusts durch Verdunstung von Berlin bis in den Spreewald rückwärts geflossen ist.

Ab Erkner wird die Nähe zur Großstadt spürbar, wenn an den Wochenenden abenteuerwütige Kanu-Touristen auf Kurzzeit und ebenso viele Segler auf die Wasserflächen der breitgewordenen Spree ausschwärmen. In Berlin ist die Spree kein sorbischer Fluss mehr. Das Ländliche und Einfache ist ihr auf den restlichen Kilometern bis zur Mündung in die Havel abhanden gekommen. Hier ist sie entweder breit und stolz oder sie wird in grachtengleiche Kanäle gezwängt, und an ihren Ufern lebt eine andere, neue Welt – und ein bisschen auch die ganze Welt.