Am Eklat vorbeigeschrammt
Die Alte Schule Adlershof soll modernisiert werden. Wieso diese Nachricht nicht bei allen für Begeisterung sorgt.

Die Mitteilung liest sich wie ein Erfolg: Der Bezirk Treptow-Köpenick, heißt es darin, plane die Erweiterung und Modernisierung des Kulturzentrums Alte Schule an der Dörpfeldstraße. Durch Anbauten und zusätzliche Flächen werde insbesondere die Kultur im Haus gewinnen, erklärt Kulturstadträtin Cornelia Flader (CDU). Konkret nennt sie die Stefan-Heym-Bibliothek, die Artothek und die kommunale Galerie des Bezirks, die durch Um- und Anbauten aufgewertet würden. Es ist eine typische Politiker-Erklärung, in der viel Tatkraft, aber auch  spürbar Erleichterung mitklingt. 
Der große Saal der Galerie „Alte Schule“
Foto: Björn Hofmann

Denn bei den Umbauplanungen für die Alte Schule, das kommunale Kulturzentrum  in Adlershof, ist das Bezirksamt nur knapp an einem Eklat vorbeigeschrammt. Bildende Künstler, die dort regelmäßig ausstellen, hatten damit gedroht, die Galerie im Haus künftig zu boykottieren. Der Boykott  konnte  abgewendet werden – ein Erfolg für die Kulturstadträtin, die damit verhinderte, dass das Renommee des Bezirks als Kulturstandort  beschädigt wird. Das Ganze ist eine Geschichte von wenig kooperativer Verwaltungsarbeit, von fehlender Transparanz, mangelnder Beteiligung und wenig Respekt für die Meinung anderer.


Mehr Attraktivität im „Aktiven Zentrum“ Dörpfeldstraße

Angefangen hatte alles  im Jahr 2015. Damals wurde die Dörpfeldstraße in das Bund-Länder-Programm „Aktive Zentren“  aufgenommen. Eine zweistellige Millionensumme  soll verwendet werden, um die Gegend rund um die wichtigste Geschäftsstraße in Adlershof attraktiver zu machen und ihr so  ein positives Image zu verschaffen.

Es geht unter anderem um die Neugestaltung des Marktplatzes, um attraktive  Hausfassaden und Ladenpräsentationen  sowie um die Zukunft der Marktpassagen, die seit geraumer Zeit nahezu leer stehen und die nach dem Willen des Bezirksamtes durch Wohnbebauung aufgewertet werden soll.

Auch die schwierige Verkehrssituation im Kiez hat man im Blick: Gemeinsam mit dem Institut für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wird nach Lösungen gesucht, um allen Verkehrsteilnehmern bessere Bedingungen zu verschaffen. In acht Jahren sollen die Ergebnisse für eine schönere Geschäftsstraße nebst Freiflächen vorliegen oder umgesetzt sein. Auch die Flächen rund um das Kulturzentrum  Alte Schule waren Teil der Ursprungs-Planungen – bis im Jahr 2017 weiteres Fördergeld für das denkmalgeschützte  Gebäude  ermöglicht wurde.

Fünf Millionen Euro gibt es für Modernisierung und Umbau des klassizistischen, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes.

Entsprechend  erfreut stieg man im Bezirksamt in die Planungen ein. Das Ziel, so wurde Anfang 2017 in einer offiziellen Mitteilung des Bezirksamtes erklärt, sei es, alle bisherigen Nutzungen und Angebote des Kulturzentrums zu erhalten und darüber hinaus zusätzliche, zum Teil multifunktional nutzbare Raumangebote für neue Angebote zu schaffen. Die Alte Schule solle so auch für neue Besucher, für Jüngere, Schüler und Migranten, attraktiv werden.


Architektenpläne rufen Künstlerprotest hervor

Die ehemalige Dorfschule, eines der ältesten Gebäude Treptows, ist seit 1998 kommunales Kulturzentrum. Es gibt die Stefan-Heym-Bibliothek, die Artothek  und den Kiezklub, in dem unter anderem kostengünstiges Mittagessen angeboten wird. Man kann dort Schach spielen, Kurse und Tanztees besuchen, es gibt Anwohnerversammlungen und Lesungen.

Und es gibt die Galerie in der früheren Schul-Aula. Der lichtdurchflutete, weite Raum mit den ungewöhnlich hohen Wänden ist die einzige kommunale Galerei in Treptow-Köpenick. Zum Vergleich: Lichtenberg verfügt über vier kommunale Galerien, Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellerdorf über jeweils zwei. Bildende Künstler aus dem In- und Ausland schätzen den zirka 150 Quadratmeter großen Ausstellungsraum in der Alten Schule, der als einer der schönsten in Berlin gilt.

Deshalb äußerten die Künstler Anfang dieses Jahres auch heftigen Protest gegen die bekannt gewordenen Architektenpläne zum Schulumbau.

Denn diese Pläne sehen vor, dass die Galerie durch ein Treppenhaus zerschnitten wird, das  längs durch den Ausstellungsraum verläuft. Das Treppenhaus sollte nach den Plänen, die Mitte Januar im Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) präsentiert wurden, teils offen, teils hinter einer gläsernen Wand verlaufen.

Die Künstler kritisierten eine nicht hinnehmbare Einschränkung der Ausstellungsfläche und fürchteten zudem um die Sicherheit ihrer Werke, sollte die Galerie zu einem „Zentraltreppenhaus“, einem öffentlichen Durchgang umgestaltet werden. In Brandbriefen an den Bürgermeister äußerten sie ihr Unverständnis über  Respektlosigkeit und Ignoranz gegenüber ihrer Arbeit. Der Berliner Berufsverband Bildender Künstler (bbk), der rund 2.250 Künstler in der Stadt vertritt, drohte sogar mit einem Boykott der Galerie im Haus – was einen erheblichen öffentlichen Imageverlust für den Bezirk bedeutet hätte.


Verwaltungen arbeiten nicht miteinander

Die Eskalation um die Galerie hätte verhindert werden können – wenn die für das Haus verantwortliche Kulturverwaltung des Bezirks sowie die betroffenen Künstler frühzeitig und umfassend an den Planungen beteiligt gewesen wäre. Doch das geschah offenkundig nicht beziehungsweise nur halbherzig. In der vielseitigen Ausschreibung für den Umbau  wird die Galerie nur kurz  erwähnt.

Viel ist dagegen von Neuordnung,  Erweiterung und Flexibilisierung der Raumnutzung die Rede, von Optimierung der Grundrisse und Wegebeziehungen sowie von räumlicher Neustrukturierung und Multifunktionalität. Eine Friedrichshagener Malerin, vom Kulturamt als beteiligte Künstlerin zu den Planungs- Sitzungen entsandt, spricht davon, dass ihre Bedenken bei den Architekten sowie den Experten vom Hochbau- und im Stadtplanungsamt kaum Beachtung gefunden hätten. Deshalb habe sie ihre Kritik  in einem offenen Brief geäußert.

Auch die Abteilung Kultur als Verantwortliche für das Haus hatte offensichtlich  keinen umfassenden Einblick in die aktuellen Baupläne.

Auf  eine Anfrage der Bezirksverordneten Heike Kappel (Linke) antwortete Kulturstadträtin Cornelia Flader im Juni 2018, der ausgewählte Entwurf des Architektenbüros sei „bisher weder der Abteilung Weiterbildung,  Schule, Kultur und Sport (Fachvermögensträger) oder den Nutzenden bekannt“.


Architektenwettbewerb? Ja. Nein.

Die Auswahl der Architekten, die europaweit gesucht wurden, erfolgte ausschließlich durch die Fachbereiche Hochbau, Zentraler Einkauf und Stadtplanung des Bezirksamtes. Die Kulturverwaltung, die für das Haus zuständig ist, war nicht beteiligt. In einer offiziellen Pressemitteilung des Bezirksamtes vom Januar 2017 war sogar von einem Architektenwettbewerb die Rede. Dieser sei nie geplant gewesen, heißt es jetzt. Das Bauvorhaben sei im wesentlichen eine Sanierungsmaßnahme, die im Rahmen eines konkurrierenden Gutachterverfahrens erfolge.

Ein erster Entwurf der Architekten wurde in gemeinsamer Absprache mit dem Kulturamt abgelehnt. Er sah vor, die Galerie über der Bibliothek, in einem geplanten Neubau, unterzubringen. Dieser  Raum wurde im März 2018 als zu klein befunden. Zur gleichen Zeit war auch schon der jetzt so heftig kritisierte Verbindungsgang durch die derzeitige Galerie im Gespräch; er werde von der bezirklichen  Denkmalschutzbehörde grundsätzlich positiv bewertet, heißt es.

Forderungen der Künstler, statt des Durchgangs durch die Galerie lieber  ein externes Treppenhaus im hinteren Gebäudeteil zu errichten, erteilen die Denkmalschützer eine Abfuhr: Aus Gründen des Brandschutzes und der Barrierefreiheit wären zwei riesige Treppenhäuser erforderlich, was starken Substanzverlust für das Gebäudedenkmal mit sich brächte. Zudem stünde der technische Aufwand nicht im Verhältnis zum Nutzen, teilt Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) mit.


Schwarzer Peter für Kulturstadträtin

Aufgeschreckt vom lauten Künstler-Unmut reagierte auch Bürgermeister Oliver Igel (SPD), dessen Fachbereich Facility Management/Hochbau maßgeblich  an den Umbauplänen beteiligt ist. Igel äußerte in einem Antwortbrief an die Künstler „sehr großes Verständnis und Sympathie“ für die geäußerte „Argumentation zum Erhalt dieser großartigen Aula“ und mahnte „Bedacht“ bei der Umsetzung des Schul-Umbaus an.

Allerdings, so der Bürgermeister weiter, sei die abschließende Entscheidung „bedauerlicherweise nicht durch mich zu treffen, sondern in eigener Verantwortung durch das Amt für Weiterbildung und Kultur.“

Der Schwarze Peter liegt nun also bei Kulturstadträtin Flader, die selbst von den Architektenplänen erst spät erfuhr und jetzt nur noch die schlimmsten Schäden für die Kunst verhindern kann.

Auf einer von Flader einberufenen  Krisensitzung Ende Januar, zu der sie ausgewählte Künstler, die Architekten und Mitarbeiter des Bezirksamtes eingeladen hatte,  räumte die Stadträtin einen „erheblichen Diskussionsbedarf“ ein.  Doch man werde die Alte Schule wie beschlossen umbauen, sagte sie. Dass künstlerischer Fachverstand bei den mehrjährigen Planungen nicht oder viel zu spät eingefordert wurde, wollte sie so nicht bestätigen.

Nach einer längeren Debatte konnte der Künstler-Boykott schließlich abgewendet werden.

Man einigte sich, nicht glücklich, aber immerhin: Treppenhaus und Trennwand in der Galerie werden gebaut, die Gegebenheiten lassen keine Alternativen zu. Die  Wand wird jetzt aber statt aus Glas auf zirka 7,65 Metern Breite massiv gebaut. So kann dort auch weiterhin Kunst ausgestellt werden. Nur seitwärts der massiven Wand entstehen auf etwa 1,45 Metern Glasflächen mit Blendschutz und Verdunklungsrollos.

Durch die Abtrennung  sollen maximal 35 Quadratmeter Galeriefläche verloren gehen,die aber abgeschlossen, das heißt, vom Treppenhaus nicht zugänglich sein wird. Cornelia Flader verspricht, die Künstler in die weiteren Beratungen zur Gestaltung der Aula einzubeziehen. Sie selbst sei vom erzielten Kompromiss überzeugt:  „Gerade nach der Sanierung der Alten Schule wird der Raum der Aula weiter eine hochqualifizierte Ausstellungsarbeit ermöglichen.“


Neue  Ausstellungsmöglichkeit in alter Schauspielschule

Eine Idee der Künstler wurde übrigens vom Bezirksamt bereits aufgegriffen: Die leer stehende Schauspielschule „Ernst Busch“ an der Schnellerstraße in Niederschöneweide, die als „Theaterhaus  Schöneweide“ im Gespräch ist,  sollte auch Ausstellungsräume für Bildende Kunst erhalten. Man sei mit der Senatskulturverwaltung über eine Nachnutzung des Gebäudes für die Kunst im Gespräch, teilte Bürgermeister Oliver Igel mit.

 


Karin Schmidl
Ein Beitrag von

Diplomierte Journalistin mit Erfahrung. Nachrichten-Junkie. Weiß, wie Politik und Medien funktionieren. Bleibt trotzdem Optimistin. Verteidigt den Genitiv. Sucht die Geschichte hinter der Geschichte. Hält Entscheidungen im Kiez für essentiell für das Lebensgefühl. Motto: „Köpenick, du bist wunderschön!“

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