Mein Name ist Windhorst. Lutz Windhorst. Sie kennen mich nicht? Keine Sorge, sie werden mich kennen lernen. Ich sitze gemütlich in der Feinen Dahme, erwärme mich an Glühwein und schaue zum anderen Ufer hinüber. Diese Köpenicker Altstadt, die hat schon was. Selbst an kalten Dezembertagen. Mit meinem Telefon knipse ich ein paar Bilder, da sich bald niemand mehr erinnern wird, wie es hier mal ausgesehen hat. Ich habe vor, in großem Stil zu investieren, denn ich bin big im Business und plane stets in XXL. Auch Sie werden sich staunend die Augen reiben, wenn er eines Tages steht, mein Windhorst-Tower. Kommen sie zur Eröffnung, ich lade sie ein! In der Skylounge wird die Party des Jahres steigen. Ob Sie sich dann ins pralle Vergnügen stürzen oder still die Aussicht genießen – ich garantiere Ihnen, Sie haben beides noch nicht erlebt!

Woher ich meine Selbstgewissheit nehme? Ganz einfach, der Erfolg gibt mir Recht und außerdem gilt das alte Sprichwort: Bereits am Start erkennt man den Sieger! Während meine Altersgenossen miteinander im Buddelkasten hockten, tauschte ich den Teddy meines großen Bruders Lars gegen einen Stapel Monster-Sammelbilder. Diese verkaufte ich an Schulkinder für 1,50 pro Stück. Den Erlös investierte ich in einen gebrauchten Gameboy und vermietete ihn fortan meinen Spielkameraden für 1,50 pro Minute. Mit den Einnahmen eröffnete mir meine Mutter ein Depot bei der Deutschen Bank. Seither denke ich in größeren Dimensionen. Ich mache in Kupfer, Kohle und Öl, kaufe Ackerland in Afrika, Tropenholz aus Malaysia und moderne Kunst, wenn sie großformatig und teuer ist. Nebenher vertreibe ich leistungssteigernde Potenzmittel über das Internet und bin Mehrheitseigner einer Leiharbeitsfirma sowie einer Weiterbildungsagentur. Auf dem amerikanischen Immobilienmarkt konnte ich beizeiten abräumen, und selbst am Niedergang der faulen Griechen ließ sich noch eine Kleinigkeit verdienen.
So wird es Sie kaum wundern, dass mein wirtschaftspolitischer Sachverstand heute mehr denn je gefragt ist. Mein guter Rat ist teuer. Ob Renditeverlängerung für Kernkraftwerke, Einfrieren des Arbeitgeberanteils bei steigenden Gesundheitskosten oder ein asoziales Sparpaket – auf all das wären diese Schnarchnasen doch nie allein gekommen!

Mit der Baugenehmigung läuft sicher alles wie geschmiert. Ich meine, wir sind hier schließlich in Köpenick.

Die Entscheidungsträger der Republik geben sich bei mir die Klinke in die Hand. Ich begleite unsere Minister auf Reisen, treffe Führungskräfte im Saunaclub und habe einen eigenen Hausschlüssel für das Kanzleramt. Für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft setzte ich mich sonntags in die Talkshow und mit meiner Lutz-Windhorst- Stiftung engagiere ich mich darüber hinaus für benachteiligte Kinder. So spare ich Steuern und gewinne zugleich das wohlige Gefühl, etwas Positives für die Menschen bewegen zu können.

Sie meinen, ich sollte selbst in die Politik gehen? Gott bewahre, dieses schmutzige Geschäft überlasse ich gern den anderen. Ich verfolge lieber meine eigenen Pläne, nehme Fahrstunden bei meinem Chauffeur, arbeite hart an meinem Handicap und suche im Internet nach einem sympathischen Supermodel, das künftig seine Freizeit mit einem echten Leistungsträger verbringen will. Sobald ich die Richtige gefunden habe, werde ich einen Nachfolger zeugen, der meiner würdig ist, denn machen wir uns nichts vor: Selbst ich verfüge nicht über das ewige Leben. Meiner lieben Mutter konnte ich wenigstens schon einen Lebenstraum erfüllen. Sie ist heute der Boss in ihrem eigenen Nailstudio. Meinem Vater spendierte ich die neue S-Klasse und ein Kicker-Abo auf Lebenszeit.

Nur um Lars mache ich mir sorgen. Er ist das schwarze Schaf unserer Familie, die Oberniete, der Totalversager. Er hat schon immer gewaltig auf die Kacke gehauen und eine Pleite nach der anderen hingelegt. Zurzeit führt er einen Spätverkauf in Lichtenberg, für den ich insgeheim die Miete zahle. Irgendwie fühle ich mich wohl noch immer etwas schuldig, wegen dem Teddy und so.
Schwarzer Rolli, rote Brille? Ah, da kommen meine Architekten! Echte Kreative lassen einen gern ein wenig warten. Egal. Mit meinem Windhorst-Tower werde ich ein Zeichen setzen, so unübersehbar wie ausdrucksstark. Er wird die Zeiten überdauern und künftigen Generationen beispielgebend sein. Mit der Baugenehmigung läuft sicher alles wie geschmiert. Ich meine, wir sind hier schließlich in Köpenick. So, nun müssen Sie mich entschuldigen. Sie erhalten aber bald Gelegenheit, alle Facetten meiner vielschichtigen Persönlichkeit noch eingehender zu studieren. Ende Januar kann ich endlich meinen 18. Geburtstag feiern und das schönste Geschenk mache ich mir wieder einmal selbst. Pünktlich zum freudigen Ereignis kommt meine Autobiographie in den Handel: „Leistung ist mein Leben.“ Die Lektüre kann ich Ihnen dringend empfehlen, denn ich bin sicher, gerade Sie können von mir noch einiges lernen.